Das Salz im See 1: Ein teuflischer Plan (German Edition)
unangenehme Strecke, zunächst Richtung Osten, einem Bahndamm folgend bis an die Standortgrenze, dann entlang der Einzäunung nach Norden schwenkend und schließlich quer durch die Air Base zurück zur Unterkunft. Er hatte die Distanz auf der Karte abgeschätzt – gut fünf Kilometer waren es. Cannon nannte das ‚Gewöhnungslauf‘! Nach noch nicht einmal drei Kilometern hatte er sich an einen Telegraphenmast geklammert und sich – unter Cannons ‚aufmunterndem‘ Kommentar – die Seele aus dem Leib gekotzt. Von da an verkümmerte dieser Programmpunkt zum Intervalltraining. Nach einer viel zu kurzen Pause hatten sie im Schwimmbad fast eine halbe Stunde Bahn um Bahn gezogen, ‚zur Entspannung‘, um bei Cannons Diktion zu bleiben. In der Kantine wurde kurz Kaffee getrunken – keiner hatte Hunger –, und schon ging es in die Turnhalle. Nahkampf stand auf dem Stundenplan! Hätte er doch nicht mit seinen vor Jahrzehnten als Einzelkämpfer erworbenen Fähigkeiten geprahlt!
Es waren nicht allein die Wadenkrämpfe, die ihm Probleme bereiteten, es war vor allem der Rücken! Schuld waren Cannons Übungen, die das Nachmittagsprogramm einleiten sollten. Der Amerikaner beschrieb es auf dem Trainingsplan als ‚Stand- und Fallübungen im Rahmen einer Kurzeinweisung in die Geheimnisse des Taekwondo‘. Warum nur hatte er Cannon gesagt, daß er während seiner militärischen Ausbildung hinreichend Fallübungen praktiziert habe, man sich diesen Punkt getrost sparen könne! Das war mehr als 30 Jahre her! Natürlich fühlte sich Cannon berufen, ihn vom Gegenteil zu überzeugen, mit dem Resultat, daß er die kommenden ein, zwei Wochen vermutlich nicht mehr aus diesem verdammten Sessel käme ...
Trotz der Qualen huschte ein Grinsen über Sanders Gesicht. Als er nach einer äußerst harten Landung auf dem Rücken liegend unter anhaltender Atemnot litt, war von einer der benachbarten Matten Stella – sie gab dort Kindern im Vorschulalter Karate-Unterricht – herbeigeeilt, um erste Hilfe zu leisten. Natürlich wollte Cannon ihr imponieren, darum hatte er den Wurf voll durchgezogen. Er hatte jedoch nicht mit Stellas Reaktion gerechnet. Ganz klein war er geworden, als sie ihn zusammenstauchte. Besserung hatte er gelobt, ins Kino wollte er sie einladen, zum Dinner, ins Theater nach Kaiserslautern – sinnloses Bemühen, sie hatte in jenem Moment Aufmerksamkeit nur für ihn, Horst Sander! Oh ja, er hatte es genossen, als die Sinne wiederkehrten und Stella seinen Kopf in die Senke ihrer festen, grandios geformten Brüste drückte, um den zusammengerollten Trainingsanzug unter seinen Nacken zu schieben. Cannons Blick! Allein der war es wert! Der Bursche hätte Reichtümer geopfert, hätte er nur an seiner Stelle dort liegen dürfen!
Natürlich war ihm das Balzen des Amerikaners nicht entgangen, als Stella sie am Tage ihrer Ankunft vom Offiziersclub abgeholt und im Jeep kreuz und quer durch die Air Base gefahren hatte. Es war höchst unterhaltsam, den Dialogen und Gebärden zu folgen, zumal er von der Rückbank den allerbesten Überblick hatte. Es war bewundernswert, wie dieses junge Ding mit dem kantigen Haudegen verfuhr. Während sich Cannon mit dem Charme eines Grizzlybärs zu Polkaklängen eines abgesoffenen Schifferklaviers im Kreise drehte, bot sie mit federgleicher Leichtigkeit zu filigranen Tonfolgen einer virtuos gespielten Panflöte klassisches Ballett in höchster Perfektion! Als sie sich später vor ihrem Block verabschiedeten, war Cannon wieder am Anfang seines Werbens, während Stella längst alle Fäden in der Hand hielt. Aber nicht das war es, was Cannons seelisches Gleichgewicht erschütterte, sondern die Ungewißheit, ob sie jemals an dem einen oder anderen Fädchen zupfen oder ihn – im wahrsten Sinne des Wortes – hängen lassen würde.
Sander schaute auf die Uhr. Cannon hätte längst zurück sein müssen, er wollte lediglich etwas für das Abendessen kaufen. Bevor er sich Gedanken über Cannons Ausbleiben machen konnte, klopfte es energisch an der Tür. Sander quälte sich mit schmerzverzerrtem Gesicht aus dem Sessel. „Beeil dich! Ich bin‘s, John!“ Sander schlurfte ächzend zum Eingang, drehte umständlich den Schlüssel. Die Tür wurde aufgestoßen. Cannon hastete an ihm vorbei, warf drei Pappkartongebilde auf den Couchtisch, deren farbenfrohes Äußeres selbst Analphabeten hinreichenden Aufschluß bezüglich des Inhalts gab: Jumbo Pizza Four Seasons, American Style. ‚Oh Gott! Schon wieder so was
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