Bücher online kostenlos Kostenlos Online Lesen
Das Schweigen des Sammlers

Das Schweigen des Sammlers

Titel: Das Schweigen des Sammlers Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Jaume Cabré
Vom Netzwerk:
hörst, wirst du sie verkaufen.«
    »Ich will sie nicht verkaufen. Ich höre mir kein Angebot an.«
    »Eine Million Peseten.«
    »Ich habe gesagt, sie steht nicht zum Verkauf.«
    »Eine Million Peseten sind eine Menge Geld.«
    »Und wenn du mir das Doppelte bieten würdest.« Er kam mit seinem Gesicht ganz an nah an das Gesicht des anderen heran: »Sie-steht-nicht-zum-Verkauf.« Er richtete sich wieder auf. »Verstanden?«
    »Vollkommen. Zwei Millionen Peseten.«
    »Hörst du eigentlich zu, wenn die Leute dir was sagen?«
    »Mit zwei Millionen kannst du ein Leben in Saus und Braus führen und musst dich nicht mehr mit irgendwelchen Studenten herumärgern, die nicht die leiseste Ahnung von Musik haben.«
    »Tito – so heißt du doch, nicht wahr?«
    »Ja.«
    »Tito: Nein.«
    Er nahm seine Mappe und wollte hinausgehen. Tito Carbonell rührte sich nicht vom Fleck. Vielleicht erwartete Adrià, dass er ihn daran hinderte, den Raum zu verlassen. Als er sah, dass er freie Bahn hatte, drehte er sich um.
    »Wieso interessiert sie dich so sehr?«
    »Für den Laden.«
    »Aha. Und warum kommt das Angebot nicht von deiner Mutter?«
    »Sie versteht nichts davon.«
    »Aha. Das heißt also, sie weiß von nichts.«
    »Nenn es, wie du willst, Professor Ardèvol.«
    »Wie alt bist du?«
    »Sechsundzwanzig.« Das war gelogen, aber das erfuhr ich erst viel später.
    »Und du machst mit dem Laden heimliche Geschäfte?«
    »Zwei Millionen einhunderttausend. Das ist mein letztes Angebot.«
    »Man sollte deine Mutter informieren.«
    »Zweieinhalb Millionen.«
    »Du hörst wirklich nicht zu, wenn die Leute dir was sagen, was?«
    »Ich wüsste gern, wieso du sie nicht verkaufen willst …«
    Adrià öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Er wusste nicht, was er sagen sollte. Er wusste nicht, warum er Vial nicht verkaufen wollte, die Geige, die dem Unglück so nah war, aber auf der ich von Tag zu Tag mehr spielte. Vielleicht wegen der Geschichten, die Vater mir über sie erzählt hatte; vielleicht wegen der Geschichten, die ich mir vorstellte, wenn ich ihr Holz berührte … Manchmal musste ich nur mit dem Finger über ihre Haut streichen, Sara, und schon wurde ich in die Zeit versetzt, als ihr Holz zu einem Baum heranwuchs, ohne zu ahnen, dass es eines Tages zu einer Geige würde, einer Storioni, zu Vial. Das soll keine Ausrede sein, Vial war für mich tatsächlich eine Möglichkeit, meiner Phantasie freien Lauf zu lassen. Wenn Sara hier wäre, wenn ich sie jeden Tag sehen könnte … vielleicht wäre dann alles anders … natürlich … Hätte ich die Geige bloß an Tito verkauft, und sei es für hundert Peseten. Aber das ahnte ich damals noch nicht.
    »Was nun?«, fragte Tito Carbonell geduldig. »Warum willst du sie nicht verkaufen?«
    »Ich finde, das geht dich nichts an.«
    Als ich hinausging, spürte ich eine Kälte im Nacken, als erwartete ich jeden Augenblick den Schuss aus dem Hinterhalt. Doch Tito Carbonell erschoss mich nicht hinterrücks, und ich bildete mir ein, ich hätte überlebt.

34
    Eine Ewigkeit war vergangen seit der Erschaffung der Welt nach dem Dezimalsystem, bei der ich alle Bücher in der Wohnung verteilt, aber Vaters Arbeitszimmer nicht näher erforscht hatte. Adrià hatte beschlossen, in der dritten Schublade des Manuskripttischs, fein säuberlich in Umschlägen geordnet, die Unterlagen seines Vaters zu verwahren, die er nicht einordnen konnte, weil sie nicht den Laden betrafen und nicht im Eingangsregister verzeichnet waren; Senyor Ardèvol hatte nämlich ein Eingangsregister aller wertvollen Dinge geführt, die er erwarb – eine genussvolle Inbesitznahme der Objekte, hinter denen er Tage und manchmal sogar Jahre her gewesen war. Alles in der Bibliothek war geordnet. Fast alles. Nur die unklassifizierbaren Unterlagen nicht, aber sie lagen alle beisammen. Als Adrià sie in die dritte Schublade verbannt hatte, hatte er sich fest vorgenommen, sie genauer anzusehen, sobald er einen Augenblick Zeit dafür fände. Doch es vergingen einige Jahre, ohne dass Adrià diesen Augenblick fand.
    Unter den Unterlagen in der dritten Schublade war auch der Briefwechsel seines Vaters. Merkwürdig, dass ein so gewissenhafter Mann wie sein Vater seine Korrespondenz als unklassifizierbar eingestuft und keine Kopien der von ihm geschriebenen Briefe angefertigt hatte; er hatte nur die Briefe behalten, die er bekommen hatte. Sie füllten mehrere Mappen. Da gab es Antworten eines gewissen Morlin auf vermutlich berufliche Anfragen meines

Weitere Kostenlose Bücher