Das Schwert des Normannen: Roman (Knaur TB) (German Edition)
schrie sie in Todesangst. Ich versuchte, sie zu beruhigen, aber sie zitterte unentwegt und hielt sich an mir fest. »Ist er tot?«, flüsterte sie.
Ich nickte. »Was ist dadrinnen geschehen?«
»Weiß nicht. Ging alles so schnell. Und dann das Blut. Madonna mia, tanto sangue! « Sie hörte nicht auf zu zittern. Ihre Lippen bebten, so dass sie kaum einen vernünftigen Satz zustande brachte. Erneut klammerte sie sich an mich und barg ihr blutverschmiertes Gesicht an meiner Brust. »Ich will hier weg. Ich flehe dich an. Bring mich hier weg.«
Ich rief Thore. »Bring die Contessa in die Kirche, bis Hilfe eintrifft.«
»Nein!« Es war fast wie ein Schrei. »Ich geh da nicht mehr rein. Nie mehr.« Sie drängte sich nur noch fester an mich. »Bring mich in die Burg.«
Sanft machte ich mich von ihr los. »Gleich, Domina. Erst muss ich nach meinem Kameraden sehen.«
Ich beugte mich zu Fulko hinunter, während Gaitelgrima leise wimmerte. Thore hockte neben ihm und hatte seinen Oberkörper auf die Knie gebettet.
»Ich krepier schon nicht, Gilbert. Ich glaube, die Klinge ist an meinen Rippen abgeglitten«, murmelte Fulko mit schmerzverzogenem Gesicht. »Nur schade, dass ihr die Schweine umgebracht habt. Jetzt werden wir nie wissen, wer dahintersteckt.«
Es war nicht der Augenblick, darüber zu sprechen, aber ich hatte die verfluchten Mörder erkannt. Mein Gegner war der mit dem Muttermal an der Schläfe gewesen. Pandulfs verdammtes Gold steckte dahinter. Und Arichis hatte sie angeheuert.
»Wir werden dich gleich von hier wegbringen, Fulko.«
»Kümmere dich erst um die Contessa.«
Es musste sich in Windeseile herumgesprochen haben, dass etwas Schreckliches geschehen war. Denn jetzt, da die Gefahr gebannt war, kamen die Gaffer wie die Ratten aus ihren Löchern geströmt. Halb Melfi schien sich um uns zu scharen und starrte mit Grauen und fast auch mit wohligem Erschauern auf die blutigen Leichen im Schnee. Zwei von Drogos Männern tauchten auf. Als sie Gaitelgrima erkannten, kamen sie im Laufschritt.
»Drogo ist ermordet worden«, rief ich ihnen zu. Ungläubig sahen sie mich an. »Schnell, holt Hilfe aus der Burg. Eine Sänfte für die Fürstin, Bahren für Tote und Verwundete. Und genug Männer, um die Neugierigen fernzuhalten.«
Etwas anderes war nicht zu tun. Arichis war ohne Zweifel schon halbwegs bis Capua. Und von anderen Verschwörern wussten wir nichts.
Ich zwang mich, noch einmal die Kirche zu betreten, um dem verwundeten Leibwächter zu sagen, dass Hilfe unterwegs war. Er nickte schwach, lehnte den Kopf zurück und schloss mit einem Stöhnen die Augen. Ein Schwertstoß war ihm tief in den Leib gedrungen. Unwahrscheinlich, dass er lange überleben würde.
Drogo war nicht ganz ohne Gegenwehr gestorben. Neben dem zweiten Leibwächter, der eine tödliche Verletzung am Schädel davongetragen hatte, lag noch ein Kerl mit einer Schwertwunde quer über Hals und Schlüsselbein, aber auch mit einer Stichverletzung in der Brust. Drogos Dolch? Sie waren also zu dritt gewesen. Ich versuchte, mir den Ablauf vorzustellen. Gaitelgrima hatte wahrscheinlich neben Drogo gestanden, als er den tödlichen Hieb in den Hals empfangen hatte. Es war also sein Blut, das wie eine warme Fontäne über sie niedergegangen war. Kein Wunder, dass sie zu Tode verängstigt war.
Endlich kamen Mannschaften von der Burg, drängten die Menschen vom Platz und sammelten die Toten und Verwundeten ein. Der Kastellan, ein besonnener Mann namens Alfred, befragte mich, und ich berichtete ihm hastig das Nötigste. Eine Sänfte für die Fürstin hatte sich nicht gefunden, aber ihr Pferd stand auf dem Platz. Gaitelgrima zitterte immer noch. Ihre Beine versagten ihr den Dienst, so dass sie in den Sattel gehoben werden musste.
»Lass mich nicht allein, Gilberto«, bettelte sie.
Da Thore sich um Fulko kümmerte, nahm ich den Gaul am Zaumzeug und begleitete sie bis zur Burg, umgeben von einem Dutzend Krieger, die sich mit grimmigen Blicken den Weg durch die Menge bahnten. Die Leute starrten ihre Fürstin mit offenen Mündern an. Kein Wunder. Das Haar hing ihr in wilden Strähnen bis auf den Rücken. Kopfbedeckung und Schleier hatte sie verloren. Gesicht, Hände und Mantel waren über und über mit Blut besudelt. Und immer wieder blickte sie mit irren Augen über die Schulter. Aber den Mord an ihrem eigenen Mann aus allernächster Nähe miterleben zu müssen, wer konnte es ihr verdenken, dass sie sich benahm, als habe sie den Verstand verloren?
Hatte ich
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