Das Spiel der Nachtigall
als in einem kleinen Stadthaus.«
An dem Tag, als sie ihre Magd mit sich aus Salerno genommen hatte, war das Wohlergehen Lucias und ihres Kindes Judiths Verantwortung geworden, und doch hatte sie nicht daran gedacht, als sie sich einmal mehr gefangen in ihrem Schicksal vorkam. Selbstsüchtig, dachte Judith, ich bin selbstsüchtig, doch sie brachte es nicht über sich, Lucia ihr Bleiben zu schwören.
»Es ist noch nicht gesagt, dass der Herzog seiner Gemahlin gestatten wird, mich in ihren Diensten zu behalten. Im Gegenteil, gerade heute ist mir versichert worden, dass der Bischof Jüdinnen im Dienst einer christlichen Herzogin für unpassend hält.«
» Ich bin keine Jüdin«, gab Lucia zurück, und im Gegensatz zu ihren Lippen zitterte ihre Stimme kein bisschen. »Es wird Zeit, dass ich Euch die Geschichte erzähle, weshalb ich in Euer Haus gekommen bin. Es ist nämlich nicht so, dass nur alle Deutschen, alle Kaiserlichen, alle Christen schlecht und alle Juden selbstverständlich gut sind, wie Ihr das offenbar glaubt. Ich habe im Haus eines Juden gearbeitet, und der Sohn des Herrn hat Wohlgefallen an mir gefunden, wie ich an ihm. Das ging so lange gut, bis ich schwanger wurde. Dann wollte dieser ehrenwerte Jüngling nichts mehr von mir wissen, weil ich keine Jungfrau mehr war. Wenn ich überhaupt länger im Hause hätte arbeiten wollen, dann ohne das Kind. Setze es aus, sagte er zu mir. Genauso gut hätte er sagen können, töte es, denn welches Neugeborene überlebt schon, ausgesetzt zu werden in diesen schlechten Zeiten, wo jeder froh war, genügend für seine Familie zum Essen zu haben. Aber es war mein Kind, es konnte nichts dafür, dass sein Vater sich so verhielt. Und so ging ich. Weil damals ständig Kriegsknechte in Salerno waren, glaubte jedermann, es müsse von einem Deutschen sein. Und weil ich nie von Vergewaltigung gesprochen habe, musste es demnach aus einer Liebschaft stammen. Das Gerücht hielt sich. Niemand gab mir mehr Arbeit. Bis auf Salvaggia sprach auch niemand mehr mit mir, auch nicht mein Vater, wegen der Schande. Dabei besprangen er und meine Brüder regelmäßig die eigenen Mägde, wie fast alle Männer in der Stadt, ohne je eine zu fragen, ob es genehm sei. Ich habe alles aufgegeben für meinen Sohn, und ich werde dafür sorgen, dass er das beste Leben erhält, das er bekommen kann. Nicht bei Juden, nicht bei Christen, sondern da, wo die Macht ist.«
Judith war betroffen. Sie spürte, dass Lucia nicht log; Unduldsamkeit und Selbstsucht hatte sie überall erlebt und war selbst nicht frei davon. »Nun, ich kann die Prinzessin bitten, dich in ihren Diensten zu behalten«, sagte sie abrupt und wandte sich ihrem Onkel zu. »Wenn du unter diesen Umständen nicht mehr als einen Besuch wünschst, so danke ich dir trotzdem«, sagte sie, um ihm eine Brücke zu bauen, mit der er seine Einladung umwandeln konnte.
»Als Ärztin bist du mir so willkommen wie als meine Nichte«, sagte er und schaute zu Lucia, während er den zweiten Teil ihrer Stellungnahme nicht beantwortete. Genauso gut hätte er hinzufügen können, dass er nicht vor fremden Ohren über die Frage des Christentums sprechen wollte, und sie verstand. Es wäre gewiss vernünftig, nichts zu überstürzen und über sein Angebot noch eine Weile nachzudenken. Immerhin war nicht gesagt, dass er ihrer Mutter auch vom Wesen her ähnelte. Am Ende könnte er sich als häuslicher Tyrann entpuppen, der sein Versprechen verwarf, sobald sie sich unter seinem eigenen Dach befand, und nur vorhatte, sie als billige Dienstkraft zu nutzen, wie es viele Leute, ob Juden oder Christen, mit ihren unverheirateten Verwandten taten.
Nun, wenn dem so sein sollte, dann würde sie eben ein weiteres Mal fliehen. Doch der Tross würde Nürnberg morgen wieder verlassen, und sie wusste nicht, was von ihrem Selbst noch übrig sein würde, auf das sie früher immer so stolz gewesen war, wenn sie jetzt nicht die Gelegenheit ergriff, wieder zu der zu werden, die sie sein wollte.
»Dann komm morgen hierher«, sagte sie, »und ich werde bereit sein, mit dir zu gehen.«
Mittlerweile war Irene an schlechte Nachrichten gewöhnt, und auch daran, Menschen zu verlieren. Die Magistra kannte sie erst seit einigen Monaten; es sollte sie nicht weiter kümmern, von ihr zu hören, dass sie in ihre Vaterstadt zurückkehren und nicht einmal die Hochzeit abwarten würde. Doch es versetzte ihr einen unerwarteten Schlag, auch, weil es der letzte Beweis dafür war, dass die Magistra
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