Das Verlorene Labyrinth
schnappen, aber er war zu stark.
»Haben Sie und Biau beide für sie gearbeitet?«, fragte er.
Genau in dem Moment, als sie spürte, dass sie das Bewusstsein verlor, ließ er los. Er begann, an den Knöpfen ihrer Bluse zu nesteln, einen nach dem anderen zu öffnen.
»Was machen Sie da?«, flüsterte sie und zuckte dann zusammen, als sie seine kalte, klinische Berührung auf der Haut spürte. »Kein Mensch sucht nach Ihnen.« Ein Klicken war zu hören, dann roch Shelagh Feuerzeugbenzin. »Es wird niemand kommen.«
»Bitte, tun Sie mir nicht weh ...«
»Haben Sie und Biau zusammengearbeitet?«
Sie nickte.
»Für Madame de l'Oradore?«
Sie nickte erneut. »Ihr Sohn«, brachte sie heraus. »Fran c ois- Baptiste. Ich hab nur mit ihm gesprochen ...«
Sie spürte die Flamme nahe an ihrer Haut.
»Und was ist mit dem Buch?«
»Ich hab's nicht gefunden. Yves auch nicht.«
Sie spürte, dass er reagierte, dann zog er die Hand zurück. »Warum ist Biau dann nach Foix gefahren? Sie wissen doch, dass er in Dr. Tanners Hotel war?«
Shelagh wollte den Kopf schütteln, aber sogleich tobte eine neue Schmerzwelle durch ihren Körper.
»Er hat ihr irgendwas gegeben.«
»Es kann nicht das Buch gewesen sein«, stammelte sie.
Bevor sie weitersprechen konnte, wurde die Tür geöffnet, und sie hörte gedämpfte Stimmen von draußen. Dann drang ihr die Geruchsmischung von Aftershave und Schweiß in die Nase. »Wie sollte die Übergabe des Buches an Madame de l'Oradore stattfinden?«
»Francois-Baptiste.« Das Sprechen tat weh. »Ein Treffen mit ihm am Pic de - Ich hatte eine Nummer, die ich anrufen sollte.« Sie wich zurück, als sie seine Hand auf der Brust spürte.
»Bitte nicht ...«
»Sehen Sie, wie einfacher alles ist, wenn Sie kooperieren? Also, Sie werden diesen Anruf gleich für mich tätigen.«
Entsetzt versuchte Shelagh den Kopf zu schütteln. »Wenn sie herausfinden, dass ich Ihnen das erzählt habe, bringen sie mich um.« »Und ich bringe Sie und Mademoiselle Tanner um, wenn Sie es nicht tun«, sagte er ruhig. »Die Entscheidung liegt bei Ihnen.« Shelagh konnte nicht wissen, ob er Alice hatte oder nicht. Ob sie in Sicherheit war oder auch hier irgendwo.
»Er erwartet, dass Sie ihn anrufen, wenn Sie das Buch haben, ja?«
Sie hatte nicht mehr den Mut zu lügen. Sie nickte. »Es geht ihnen weniger um den Ring als vielmehr um eine kleine Stein- scheibe, etwa so groß wie der Ring.«
Entsetzt begriff Shelagh, dass sie ihm gerade das Einzige erzählt hatte, was er noch nicht wusste.
»Wofür ist die Scheibe?«, fragte er.
»Ich weiß nicht.«
Shelagh hörte sich selbst aufschreien, als die Flamme über ihre Haut züngelte.
»Wofür - ist - sie?«, wiederholte er. Seine Stimme war völlig emotionslos. Shelagh war eiskalt. Ein grässlicher Geruch von verbranntem Fleisch stieg auf, süß und widerlich.
Sie konnte die einzelnen Wörter nicht mehr unterscheiden, als der Schmerz sie davontrug. Sie taumelte, fiel. Sie spürte, wie ihr Hals nachgab.
»Die kippt uns weg. Runter mit der Kapuze.«
Der Stoff wurde hochgerissen, kratzte über die Wunden und aufgeplatzte Haut.
»Passt in den Ring ...«
Ihre Stimme klang, als spräche sie unter Wasser. »Wie ein Schlüssel. Zum Labyrinth ...«
»Wer weiß sonst noch davon?« Er brüllte sie an, aber sie wusste, dass er sie jetzt nicht mehr erreichen konnte. Das Kinn fiel ihr auf die Brust. Er riss ihren Kopf wieder hoch. Ein Auge war zugeschwollen, doch das andere öffnete sich flackernd. Sie sah bloß eine verschwommene Masse Gesichter, die in ihr Blickfeld schwebten und wieder hinaus. »Sie weiß ja nicht ...«
»Wer?«, fragte er. »Madame de l'Oradore? Jeanne Giraud?« »Alice«, flüsterte sie.
Kapitel 54 Chartres
A m späten Nachmittag kam Alice in Chartres an.
Sie suchte sich ein Hotel, kaufte dann einen Stadtplan und ging geradewegs zu der Adresse, die sie über die Auskunft in Erfahrung gebracht hatte. Erstaunt betrachtete Alice das elegante Haus mit dem glänzenden Türklopfer und dem Briefschlitz aus Messing und den geschmackvollen Pflanzen in den Blumenkästen und Kübeln rechts und links von der Treppe. Alice konnte sich nicht vorstellen, dass Shelagh hier gewohnt hatte.
Und was zum Teufel sagst du, wenn einer aufmacht?
Alice atmete tief durch, ging dann die Stufen hinauf und klingelte. Es kam niemand. Sie wartete, trat ein paar Schritte zurück und blickte zu den Fenstern hoch, versuchte es dann erneut. Sie nahm ihr Handy und wählte die
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