Das Wesen der Dinge und der Liebe: Roman (German Edition)
Moosfeldern spazierten, ergriff Ambrose zwanglos das Wort, als würde er lediglich ein längst begonnenes Gespräch wiederaufnehmen. Aus heiterem Himmel stellte er fest: »Möglicherweise sind wir beide auf so unterschiedliche Weise ins Leben gestellt, dass dies letztlich folgenlos bleibt. Ich besitze nichts auf Erden, was sich irgendjemand ersehnen würde, während du alles besitzt. Vielleicht leben wir in solchen Extremen, dass sich unsere Verschiedenartigkeit in ein stabiles Gleichgewicht bringen lässt?«
Alma hatte nicht die leiseste Ahnung, wohin er diesen Gesprächsfaden zu führen gedachte, und so ließ sie ihn weitersprechen.
»Aufgrund dessen habe ich mich gefragt«, fuhr er mit sanfter Stimme fort, »ob zwei derart verschiedene Menschen imstande wären, ein harmonisches Ehebündnis zu schließen.«
Almas Herz tat einen Sprung, als sie das Wort vernahm: Ehebündnis. Handelte es sich hier um eine rein theoretische Überlegung, oder war Ambroses Äußerung wörtlich zu verstehen? Sie wartete.
Er sprach weiter, wenn auch seine Ausführungen nach wie vor alles andere als direkt waren: »Ich nehme an, dass man mich hier und dort beschuldigen würde, nach deinem Reichtum zu greifen. Nichts könnte der Wahrheit ferner sein. Ich lebe mein Leben in strengster Sparsamkeit, Alma, aus Gewohnheit, aber auch, weil ich es vorziehe. Ich kann dir keinen Wohlstand bieten, doch ich würde dir auch nichts wegnehmen. Du wirst nicht reicher, wenn du mich heiratest, ärmer wird es dich freilich auch nicht machen. Diese Tatsache mag deinen Vater nicht zufriedenstellen, doch ich hoffe, sie wird dir genügen. Unsere Liebe ist ohnedies keine typische Liebe, wie Mann und Frau sie üblicherweise empfinden. Wir teilen etwas anderes – etwas Direkteres, Wertvolleres. Vom ersten Moment unserer Begegnung an habe ich das in aller Klarheit empfunden, und ich bete, dass es für dich nicht minder augenfällig war. Ich wünsche mir, dass wir beide für immer gemeinsam ein glückliches, erbauliches Leben in steter Strebsamkeit führen können.«
Erst später an diesem Nachmittag, als Ambrose fragte: »Sprichst du mit deinem Vater, oder soll ich es tun?«, gelang es Alma, die Teile zu einem Ganzen zusammenzufügen. Es war tatsächlich ein Heiratsantrag gewesen. Oder besser gesagt ein Heirats postulat . Ambrose hielt nicht im eigentlichen Sinn um Almas Hand an, sondern ging offensichtlich davon aus, dass sie ihm selbige bereits gewährt hatte. Sie konnte nicht leugnen, dass dies der Wahrheit entsprach. Sie hätte ihm alles gewährt. Sie liebte ihn so innig, dass es schmerzte. Erst jetzt gestand sie sich dieses Gefühl ein. Ihn zu verlieren wäre einer Amputation gleichgekommen. Auch wenn diese Liebe freilich keinen Sinn ergab. Sie war fast fünfzig und er ein noch einigermaßen junger Mann. Sie war unscheinbar, er schön. Sie kannten sich erst seit wenigen Wochen. Sie glaubten an unterschiedliche Welten: Ambrose an die Welt des Göttlichen, Alma an die des Faktischen. Und dennoch – so dachte sie – war es ohne jeden Zweifel Liebe. Ja, Alma Whittaker war ohne jeden Zweifel im Begriff, Ehefrau zu werden.
»Ich spreche selbst mit Vater«, antwortete sie mit einer Freude, der sie kaum noch Einhalt gebieten konnte.
Am selben Abend, kurz vor dem Essen, suchte sie ihren Vater im Arbeitszimmer auf, wo er in allerlei Papiere vertieft war.
»Hör dir diesen Brief an«, sagte er zur Begrüßung. »Der Mann hier erklärt, dass er seine Mühle nicht mehr betreiben kann. Sein Sohn – dieses tumbe, würfelspielende Stück Sohn – hat die Familie ruiniert. Jetzt lässt mich der Mann wissen, er habe den Vorsatz gefasst, seine Schulden abzubezahlen, denn er wolle unbelastet sterben. Dabei hat er in zwanzig Jahren nicht einen Funken gesunden Menschenverstand an den Tag gelegt. Nun gut, jetzt hat er die Gelegenheit dazu!«
Alma wusste weder, wer der betreffende Mann war, noch um welchen Sohn es sich handelte oder welche Mühle überhaupt auf dem Spiel stand. Warum redeten heute eigentlich alle mit ihr, als würden sie ein längst begonnenes Gespräch wiederaufnehmen?
»Vater«, begann sie. »Ich möchte etwas mit dir besprechen. Ambrose Pike hat um meine Hand angehalten.«
»Schön«, antwortete Henry. »Aber hör mal, Alma – dieser Verrückte hier will mir eine Parzelle seiner Getreidefelder verkaufen, und jetzt versucht er doch tatsächlich auch noch, mich dazu zu überreden, seinen alten Kornspeicher am Schiffsanleger zu erwerben, dieses alte
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