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Das Wesen der Dinge und der Liebe: Roman (German Edition)

Das Wesen der Dinge und der Liebe: Roman (German Edition)

Titel: Das Wesen der Dinge und der Liebe: Roman (German Edition) Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Elizabeth Gilbert
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väterlicher Segen zu begreifen? Alma war sich dessen nicht sicher. Sie wartete, ob Henry noch mehr sagen würde. Er tat es nicht. Insgesamt schien es, als wäre die Heiratserlaubnis erteilt worden. Zumindest war sie nicht verwehrt worden.
    »Danke, Vater.« Sie wandte sich zur Tür.
    »Eins noch«, sagte Henry und blickte noch einmal auf. »Vor der Hochzeitsnacht ist es üblich, dass die Braut in einigen Angelegenheiten unterwiesen wird, die das eheliche Gemach betreffen – vorausgesetzt, dass du in solchen Dingen noch ahnungslos bist, wovon ich ausgehe. Als Mann und als dein Vater kann ich dich nicht unterweisen. Deine Mutter ist tot, sonst hätte sie es getan. Spar dir die Mühe, Hanneke zu fragen – sie ist eine alte, unbedarfte Jungfer und würde einen tödlichen Schock erleiden, wenn sie erführe, was sich zwischen Mann und Frau im Bett abspielt. Ich rate dir, deiner Schwester Prudence einen Besuch abzustatten. Sie ist seit langem verheiratet und Mutter von einem halben Dutzend Kindern. Sie dürfte in der Lage sein, dich über diese Aspekte der Eheführung in Kenntnis zu setzen. Erröte nicht, Alma – du bist zu alt, um zu erröten, es sieht lächerlich aus. Da du nun einmal beschlossen hast, einen Versuch in Sachen Ehe zu unternehmen, solltest du es, bei Gott, richtig anpacken. Sei also vorbereitet, wenn du dich ins Ehebett begibst, genauso vorbereitet, wie du auch anderen Lebenslagen begegnest. Vielleicht ist es die Mühe wert. Und gib morgen diese Briefe für mich auf, wenn du sowieso in die Stadt fährst.«
    •
    Im Grunde hatte Alma noch gar keine Zeit gehabt, sich über die Ehe als solche wahrhaft Gedanken zu machen, und nun war offenbar schon alles beschlossen und arrangiert. Ihr eigener Vater hatte im Handumdrehen die Frage des Erbbesitzes wie auch des Ehebetts aufs Tapet gebracht. Seitdem schien alles in fliegender Hast vonstattenzugehen. Am nächsten Tag begaben sich Alma und Ambrose zu Fuß in die 16. Straße, um eine Daguerreotypie anfertigen zu lassen: das Hochzeitsporträt. Alma war noch nie photographiert worden, ebenso wenig wie Ambrose. Das Ergebnis war so erschreckend lebensecht, dass Alma zunächst zögerte, überhaupt dafür zu bezahlen. Nachdem sie einen Blick auf das Porträt geworfen hatte, wollte sie es nie wieder sehen. Sie wirkte so viel älter als Ambrose! Ein Fremder hätte Alma beim Anblick dieses Photos für die bedauernswürdige Mutter des jüngeren Mannes halten können, grobknochig und breitgesichtig sah sie aus! Daneben wirkte Ambrose ausgezehrt und wie gefangen in seinem Sessel, während er mit irrem Blick aus dem Bild starrte. Eine Hand war verwackelt. Sein zerzaustes Haar erweckte den Eindruck, als hätte man ihn gerade erst unsanft aus einem unruhigen Schlaf gerissen. Daneben bot Almas schief sitzende Frisur einen ebenso verheerenden Anblick. Alma wurde unendlich traurig. Doch Ambrose lachte nur, als er das Bild sah.
    »Oha, welch eine Beleidigung!«, rief er aus. »Welch grausames Schicksal, sich so ehrlich abgebildet zu sehen! Gleichwohl werde ich das Bild meiner Familie in Boston zusenden. Man kann nur hoffen, dass sie ihren eigenen Sohn darauf erkennen.«
    Verhielt es sich generell so, auch bei anderen Menschen, die sich verlobt hatten, dass alles in solcher Eile vonstattenging? Alma vermochte es nicht zu sagen. Von all diesen Dingen – Brautwerbung, Verlobung, Vermählungsrituale – war ihr noch nicht viel zu Ohren gekommen. Nie hatte sie sich in Damenjournale vertieft und auch keine leichten Liebesromane gelesen, die sich an eine blauäugige, unschuldige Leserschaft richteten. Gewiss, sie hatte obszöne Bücher über den Geschlechtsakt verschlungen, doch diese trugen nicht eben viel zur Klärung der Situation bei. Kurzum, Alma war das Gegenteil einer in Liebesdingen geschulten Dame von Welt. Möglicherweise lag es tatsächlich an ihrer extremen Unerfahrenheit, dass sie die Brautwerbung, wie sie sich in ihrem Fall darstellte, nicht als brüsk oder befremdlich empfand. In den drei Monaten ihrer Bekanntschaft hatten sie und Ambrose nicht einen Liebesbrief, nicht ein Gedicht, nicht eine Umarmung getauscht. Die Zuneigung, die sie verband, war deutlich und konstant, doch bar jeder Leidenschaft. Jede andere Frau hätte diesen Sachverhalt mit Argwohn zur Kenntnis genommen. Alma indessen war wie betrunken; sie stellte sich so viele Fragen, dass ihr ganz schwindlig davon wurde. Fragen, die nicht zwangsläufig unerquicklich waren, doch in verstörender Zahl durch ihren Kopf

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