Bücher online kostenlos Kostenlos Online Lesen
Das Wesen der Dinge und der Liebe: Roman (German Edition)

Das Wesen der Dinge und der Liebe: Roman (German Edition)

Titel: Das Wesen der Dinge und der Liebe: Roman (German Edition) Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Elizabeth Gilbert
Vom Netzwerk:
schwirrten. War Ambrose nun ihr Geliebter? Konnte sie ihn tatsächlich als solchen bezeichnen? Gehörte sie zu ihm? Durfte sie nun jederzeit seine Hand halten? Wie sah er sie? Wie würde die Haut unter seiner Kleidung aussehen? Würde ihr Körper ihn befriedigen? Was erwartete er von ihr? Auf keine dieser Fragen konnte sie die Antwort auch nur erahnen.
    Kurzum, sie war hoffnungslos verliebt.
    Alma hatte Ambrose vom ersten Augenblick an eine außerordentlich große Zuneigung entgegengebracht, doch bis zu dem Moment seines Heiratsantrags wäre sie niemals so weit gegangen, sich ihrer Verehrung derart bedingungslos hinzugeben; es wäre ihr verwegen, wenn nicht gar gefährlich vorgekommen. Alma wäre im Gegenteil bereit gewesen, Ambrose für alle Zeiten nur als lieben Gefährten zu betrachten, wenn sie ihn damit auf White Acre hätte halten können. Jeden Morgen Buttertoast mit ihm teilen oder in sein verklärtes Gesicht schauen zu dürfen, wenn er mit glühenden Worten von Orchideen sprach, täglich seine meisterhafte Drucktechnik bewundern oder miterleben zu dürfen, wie er sich auf ihren Diwan warf, um ihren Theorien über die Transformation und das Aussterben der Arten zu lauschen – das alles wäre für Alma ein unvergleichliches Geschenk gewesen. Niemals hätte sie sich angemaßt, auf mehr zu hoffen. Ambrose als Freund – als Bruder: Das war für Alma mehr als genug.
    Selbst nach den Ereignissen in der Bindekammer hätte sie von sich aus nicht mehr verlangt. Es hätte ihr keinerlei Mühe bereitet, das in der Dunkelheit zwischen ihr und Ambrose Geschehene als einmaligen Moment, ja vielleicht sogar als einvernehmliche Halluzination zu betrachten. Sie hätte sich einreden können, dass sie sich alles eingebildet habe: den stillen Kommunikationsfluss und sogar die Zügellosigkeiten, die durch bloßes Berühren der Hände in ihrem reglosen Körper gewütet hatten. Mit der Zeit hätte sie womöglich sogar gelernt, zu vergessen, dass sich diese Dinge jemals zugetragen hatten. Selbst nach der Zusammenkunft in der Bindekammer hätte sie sich niemals gestattet, ihn so inbrünstig, so bedenkenlos, so ganz und gar zu lieben – nicht ohne seine Erlaubnis.
    Doch nun waren sie im Begriff, sich zu vermählen, und die Erlaubnis war somit erteilt. Alma hatte keinerlei Möglichkeit, ja keinerlei Grund mehr, ihre Liebe zu zähmen. Und so ließ sie sich hineinfallen: voller Staunen entflammt, entfesselt, beseelt und wie entrückt. Das Leuchten in Ambroses Antlitz wurde in ihren Augen zu einem himmlischen Leuchten. Seine gefälligen Gliedmaßen waren nun die einer römischen Statue. Seine Stimme glich einer Abendandacht. Bei jedem noch so flüchtigen Blick seinerseits schwoll ihr das Herz in banger Freude.
    Zum ersten Mal ins Reich der Liebe geschickt, strotzte Alma vor Energie und einem so unfassbaren Schaffensdrang, dass sie sich kaum wiedererkannte. Ihr Leistungsvermögen schien grenzenlos. Sie benötigte kaum noch Schlaf. Sie fühlte sich imstande, ein Boot eine Bergflanke hinaufzurudern. Wie in einen Feuerkranz getaucht, ging sie durch die Welt. Sie war das pure Leben. Ihr freudig erregter Blick galt nicht nur Ambrose, nein, alles schien wie über Nacht einem Wunder gleich. Wo sie auch hinsah, erblickte sie Harmonie und Anmut. Die kleinsten Dinge wurden zur Offenbarung. Zudem war sie plötzlich mit einem erstaunlichen Selbstbewusstsein gesegnet, das jedes normale Maß überstieg. Im Handumdrehen wusste sie botanische Probleme zu lösen, mit denen sie jahrelang gekämpft hatte. Sie schrieb wutentbrannte Briefe an distinguierte Botaniker (Männer, deren Reputation sie stets eingeschüchtert hatte) und warf ihnen, was sie sich nie zuvor erlaubt hätte, den Fehdehandschuh hin.
    »Sie haben Ihr Zygodon campylphyllus mit sechzehn Zilien und ohne äußeres Peristom dargestellt!«, schimpfte sie.
    Oder: »Warum sind Sie sich so sicher, dass dies eine Polytrichum -Kolonie ist?«
    Oder: »Ich stimme mit Professor Marshalls Schlussfolgerungen nicht überein. Mir ist durchaus bewusst, wie beschwerlich es sein kann, auf dem Gebiet der Kryptogamie einen Konsens zu finden, und doch muss ich Sie davor warnen, zu überstürzt die Existenz einer neuen Spezies zu verkünden – noch ehe Sie die gesammelten Nachweise und Belege eingehend studiert haben. Heutzutage erlebt man immer wieder, dass ein Spezimen so viele Namen erhält, wie es Bryologen gibt, die sich damit befassen, was aber noch lange nicht heißt, dass es sich bei diesem Spezimen

Weitere Kostenlose Bücher