Das Wesen der Dinge und der Liebe: Roman (German Edition)
Alter zugetragen haben. Wenn, dann waren die beiden ja fast noch Kinder gewesen. Bestimmt war es ein ganz reizendes Mädchen gewesen. Alma ließ sie vor ihrem inneren Auge Gestalt annehmen: ein süßes kleines Ding, hübsch, blauäugig und mit kastanienbraunem Haar, ein Ausbund an Schönheit, wenn sie mit honigsüßer Stimme Choräle sang und mit dem jungen Ambrose durch blühende Obstgärten spazierte. Hatte ihr Tod zu seinem geistigen Zusammenbruch beigetragen? Und wie lautete ihr Name?
Warum hatte Ambrose nicht darüber gesprochen? Aber warum hätte er eigentlich darüber sprechen sollen? Hatte er nicht ein Recht darauf, Teile seines früheren Lebens zu verschweigen? Hatte Alma ihm etwa von ihrer sinnlosen, fehlgeleiteten Liebe zu George Hawkes erzählt? Hätte sie ihm davon erzählen sollen? Im Grunde gab es ja nichts zu erzählen. Nicht einmal George Hawkes hatte gewusst, dass er eine tragende Rolle in einer Liebesgeschichte spielte, so gesehen hatte eigentlich niemals eine Liebesgeschichte existiert.
Was sollte Alma nun mit diesem neuen Wissen anfangen? Und vor allem, was sollte sie mit dem Brief tun? Sie las ihn abermals, prägte sich den Inhalt ein und versteckte ihn. Sie würde Mrs Pike später antworten, mit einem unverfänglichen, nichtssagenden Schreiben. Sie wünschte, sie hätte diesen Schrieb niemals bekommen. Sie würde sich darin üben müssen, das, was sie soeben erfahren hatte, wieder zu vergessen.
Wie lautete der Name des Mädchens?
Erfreulicherweise war noch eine zweite Sendung eingetroffen, die es Alma erlaubte, sich abzulenken: ein Päckchen, in braunes Wachspapier eingeschlagen und mit einer Kordel verschnürt. Zu Almas großer Überraschung war die Absenderin Prudence Dixon. Beim Öffnen des Päckchens entdeckte Alma ein spitzenbesetztes Nachtkleid aus weichem, weißem Leinen. Es schien die passende Größe für Alma zu haben. Ein schlichtes, hübsches Gewand, züchtig und doch feminin, mit üppig aufspringenden Falten, hohem Kragen, Elfenbeinknöpfen und bauschigen Ärmeln. Das Oberteil zierte eine dezent schimmernde hellgelbe Blumenstickerei aus feinstem Seidengarn. Das Nachtkleid war säuberlich gefaltet, von einem weißen Band umschlungen und duftete nach Lavendel. Unter dem Band steckte ein Kärtchen, auf dem in Prudence’ mustergültiger Handschrift geschrieben stand: »Mit den besten Wünschen«.
Wo hatte Prudence ein derart luxuriöses Kleidungsstück aufgetrieben? Sie konnte unmöglich Zeit gefunden haben, es selbst zu nähen; also hatte sie es wohl bei einer geübten Schneiderin erstanden. Bestimmt hatte es sie ein Vermögen gekostet! Doch woher hatte sie das Geld? Das Kleid war ausschließlich aus Materialien gearbeitet, auf die man bei den Dixons seit langem verzichtete: Seide, Spitze, importierte Knöpfe, Gepränge jeglicher Art. Prudence selbst hatte etwas so Elegantes seit beinahe drei Jahrzehnten nicht mehr getragen. Dieses Geschenk hatte ihr gewiss nicht nur finanziell, sondern auch moralisch eine Menge abverlangt. Alma war so gerührt, dass sie schlucken musste. Was hatte sie jemals für Prudence getan, dass ihr die Schwester nun diese Freundlichkeit zuteilwerden ließ? Wie konnte sie Alma – gerade in Anbetracht ihrer jüngsten Begegnung – solch ein Geschenk machen?
Einen Moment lang glaubte Alma, es ablehnen zu müssen. Sie musste dieses Nachtgewand wieder einpacken und an Prudence zurückschicken. Dann könnte ihre Schwester es in Stücke schneiden und daraus hübsche Kleider für ihre Töchter nähen oder den Stoff – was die wahrscheinlichere Variante war – für die Sache der Abolitionisten verkaufen. Doch das wäre unhöflich und undankbar gewesen. Nein, Geschenke durften nicht zurückgegeben werden. Das hatte sogar Beatrix ihre Töchter gelehrt. Geschenke durften niemals zurückgegeben werden. Ein Geschenk war ein Akt der Gnade. Somit musste es gnädig angenommen werden. Alma musste demütig und dankbar sein.
Erst später, als sie sich in ihr Zimmer begab, die Tür zuzog, sich vor ihren hohen, schmalen Spiegel stellte und das Nachtgewand anlegte, begriff sie in vollem Umfang, was ihr die Schwester mit diesem Geschenk aufgetragen hatte und warum es keinesfalls zurückgegeben werden konnte: Alma sollte dieses schöne Kleid in ihrer Hochzeitsnacht tragen.
Sie sah wahrhaftig hübsch darin aus.
Kapitel 17
Die Hochzeit fand am 29. August 1848 , einem Dienstag, im Salon von White Acre statt. Alma trug ein Kleid aus brauner Seide, das extra für den Anlass
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