Das Wesen der Dinge und der Liebe: Roman (German Edition)
Sie selbst hätte Ambrose unmöglich noch mehr lieben können, und doch wartete er nicht mit Geheimnissen auf. Sein Triumph mit der Aerides odorata rief unerquickliche Neidgefühle in ihr hervor. Sie beneidete die Orchidee um die Pflege, die er ihr angedeihen ließ. Sie konnte sich kaum noch auf ihre Arbeit konzentrieren, während seine florierte. Seine Gegenwart in der Remise wurde ihr immer mehr zuwider. Warum unterbrach er sie bloß ständig? Seine Druckerpressen machten Lärm und stanken nach erhitzter Tinte. Alma konnte es nicht länger ertragen. Sie fühlte sich, als würde sie verfaulen. Sie wurde reizbar. Eines Tages ging sie durch den Gemüsegarten von White Acre, als sie einen jungen Arbeiter entdeckte, der an seinem Spaten lehnte und sich träge einen Splitter aus dem Daumen pulte. Er war ihr bereits früher aufgefallen, dieser kleine Splitterpuler. Man sah ihn deutlich häufiger an seinem Spaten lehnen als mit ihm graben.
Mit freundlichem Lächeln trat sie auf ihn zu. »Du heißt doch Robert, nicht wahr?«, fragte sie ihn.
»Ich bin Robert«, bestätigte er und sah mit kaum verhohlenem Desinteresse zu ihr hoch.
»Worin besteht deine heutige Aufgabe, Robert?«
»Ich soll das olle Erbsenbeet hier umgraben, Ma’am.«
»Und hattest du vor, damit auch irgendwann anzufangen, Robert?«, erkundigte sie sich mit gefährlich leiser Stimme.
»Ja, wissen Sie, ich hab da diesen Splitter …«
Alma beugte sich über ihn, bis sie seinen schmächtigen Körper ganz überschattete. Sie packte ihn am Kragen, hob ihn einen halben Meter vom Boden weg und brüllte, während sie ihn wie einen Sack Tierfutter schüttelte: »Du machst dich jetzt sofort wieder an die Arbeit, du nichtsnutziger kleiner Hosenscheißer, sonst schlage ich dir mit deinem eigenen Spaten die Eier ab!«
Dann ließ sie ihn wieder fallen. Er schlug hart auf den Boden auf. Wie ein verschreckter Hase krabbelte er aus ihrem Schatten hervor und fing eifrig, ziellos und verängstigt zu graben an. Alma entfernte sich, schüttelte im Gehen die Arme aus und widmete sich umgehend wieder ihren Grübeleien über ihren Mann. War es möglich, dass Ambrose es einfach nicht besser wusste? Konnte ein Mensch so ahnungslos sein, dass er eine Ehe einging, ohne die damit einhergehenden Pflichten zu kennen oder etwas von den geschlechtlichen Vorgängen zwischen Mann und Frau zu wissen? Ihr fiel ein Buch ein, das sie vor Jahren gelesen hatte, als sie gerade damit begonnen hatte, solche unzüchtigen Schriften auf dem Dachboden der Remise zu sammeln. Fast zwei Jahrzehnte hatte sie nicht mehr an dieses Buch gedacht. Im Vergleich zu den anderen war es eine eher eintönige Lektüre gewesen, doch nun kam es ihr wieder in den Sinn. Der Titel lautete: Die Freuden der Ehe: Dem Gatten eine Anleitung zur körperlichen Mäßigung und dem verheirateten Paare eine Handreichung , und verfasst war es von einem gewissen Doktor Horscht.
Angeblich hatte dieser Doktor Horscht das Buch nach einem Gespräch mit einem jungen christlichen Paar verfasst, das vor lauter Sittsamkeit keinerlei theoretisches oder praktisches Wissen über die Beziehungen zwischen den Geschlechtern besaß und sich selbst sowie einander im ehelichen Bett mit so eigentümlichen Gefühlen und Empfindungen begegnete, dass beide bereits befürchteten, verhext zu sein. Ein paar Wochen nach der Hochzeit hatte der geplagte junge Bräutigam schließlich einen Freund zu Rate gezogen, welcher ihn mit der schockierenden Aussage konfrontierte, der frischgebackene Ehemann müsse sein Glied direkt in das »Wasserloch« seiner Braut einführen, damit den ehelichen Beziehungen Genüge getan sei. Diese Vorstellung erfüllte den bedauernswerten jungen Mann mit so viel Scham und Entsetzen, dass er umgehend zu Doktor Horscht eilte, um sich bei ihm zu erkundigen, ob ein so abwegig erscheinender Akt überhaupt durchführbar, geschweige denn sittlich sein könne. Aus Mitleid mit der arglosen jungen Seele hatte Doktor Horscht einen Leitfaden über die Triebwerke des Geschlechtlichen verfasst, der jung verheirateten Männern als Unterstützung dienen sollte.
Alma hatte das Buch damals mit einiger Geringschätzung gelesen. Dass man als junger Mann so wenig über die Funktionsweisen des eigenen Geschlechts- und Ausscheidungsorgans wissen sollte, erschien ihr vollkommen lächerlich. Solche Leute konnte es doch unmöglich geben?
Nun aber geriet sie ins Nachdenken.
Musste sie es ihm etwa zeigen?
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Am folgenden Samstagnachmittag zog sich
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