Das Wesen der Dinge und der Liebe: Roman (German Edition)
Vergnügen mit ihm haben, um ihm anschließend den Kopf abzutrennen, ihm die Gedärme herauszureißen und mit einer langen, spitzen Gabel sein Herz zu verzehren.
Alma gab nach. Was blieb ihr auch anderes übrig? Sie richtete sich auf, verließ langsam den Waschraum und zog sanft die Tür hinter sich zu. Zog sich an. Ging nach unten. Ihr Herz war derart gebrochen, dass sie kaum verstand, wie sie überhaupt noch am Leben sein konnte.
Sie fand Hanneke de Groot damit beschäftigt, die Ecken des Esszimmers auszufegen. Mit gepresster Stimme bat sie die Hauswirtschafterin, sie möge das Gästezimmer im Ostflügel für Mr Pike herrichten, der vorläufig dort schlafen werde, bis eine andere Lösung gefunden sei.
»Waarom?« , fragte Hanneke.
Doch Alma konnte ihr nicht sagen, warum. Am liebsten wäre sie Hanneke weinend in die Arme gesunken, doch sie widerstand der Versuchung.
»Darf eine alte Frau denn keine Fragen mehr stellen?«, bohrte Hanneke weiter.
»Ich bitte dich, Mr Pike über das neue Arrangement in Kenntnis zu setzen«, sagte Alma und wandte sich ab. »Ich sehe mich dazu selbst nicht in der Lage.«
•
In der folgenden Nacht schlief Alma auf dem Diwan in der Remise und ließ das Abendessen aus. Sie dachte an Hippokrates, dem zufolge die Gefäße des Herzens nicht dazu dienten, Blut durch den Körper zu pumpen, sondern Luft. Er hielt das Herz für eine Erweiterung der Lunge – eine Art großen Blasebalg aus Muskelmasse, der das Feuer des Körpers anfachte. In jener Nacht schien es Alma, als hätte er recht damit. Sie spürte das gewaltige Wehen und Tosen eines Sturms in ihrer Brust. Es kam ihr vor, als würde ihr Herz nach Luft schnappen. Und was die Lunge betraf, so musste sie wohl voller Blut sein. Alma ertrank mit jedem Atemzug ein wenig mehr. Sie konnte dieses Gefühl zu ertrinken nicht abschütteln. Sie spürte den Wahnsinn. Sie kam sich vor wie die kleine verrückte Retta Snow, die auch immer hier auf dem Diwan geschlafen hatte, wenn die Welt ihr zu große Angst machte.
Am Morgen suchte Ambrose sie auf. Er war bleich, und sein Gesicht war von Schmerz verzerrt. Er kam zu ihr, setzte sich neben sie und griff nach ihren Händen. Sie entzog sie ihm. Er sah sie lange unverwandt an, ohne etwas zu sagen.
»Falls du gerade versuchst, mir stumm etwas mitzuteilen, Ambrose«, sagte Alma schließlich, mit vor Zorn halb erstickter Stimme, »dann werde ich das kaum hören können. Ich bitte dich, direkt mit mir zu sprechen. Erweise mir zumindest diese Gefälligkeit.«
»Verzeih mir«, sagte er.
»Erst musst du mir sagen, was ich dir verzeihen soll.«
Er stockte. »Diese Ehe …«, begann er, doch dann fehlten ihm die Worte.
Alma stieß ein hohles Lachen aus. »Was ist eine Ehe, Ambrose, wenn sie um die ehrbaren Freuden betrogen bleibt, die jeder Mann und jede Frau mit allem Recht erwarten kann?«
Er nickte. Er wirkte verzweifelt.
»Du hast mich mutwillig getäuscht«, sagte sie.
»Dabei war ich der Ansicht, wir hätten ein Einverständnis.«
»So? Und was glaubtest du, worin dieses Einverständnis besteht? Sag es mir mit Worten. Was sollte diese Ehe für dich sein?«
Er rang um eine Antwort. Schließlich sagte er: »Ein Austausch.«
»Von was genau?«
»Von Liebe. Von Gedanken und Geborgenheit.«
»Das dachte ich ebenfalls, Ambrose. Ich dachte nur, es würde auch noch anderes ausgetauscht. Wenn du das Leben eines Shakers führen willst, warum bist du dann nicht losgezogen und hast dich ihnen angeschlossen?«
Er sah sie verständnislos an. Er hatte keine Vorstellung davon, wer die Shaker waren. Großer Gott, es gab so vieles, was dieser Knabe nicht wusste!
»Lass uns einander keine Vorwürfe machen, Alma, und auch nicht in Streit verharren«, bat er.
»Sehnst du dich nach dem Mädchen, das gestorben ist? Liegt es daran?«
Erneut die verständnislose Miene.
»Das Mädchen, Ambrose, das gestorben ist«, wiederholte sie. »Deine Mutter hat mir von ihr erzählt. Sie starb vor vielen Jahren in Framingham. Du hast sie geliebt.«
Seine Verwirrung kannte keine Grenzen. »Du hast mit meiner Mutter gesprochen?«
»Sie hat mir geschrieben. Und mir von diesem Mädchen erzählt – von deiner wahren Liebe.«
»Meine Mutter hat dir geschrieben? Wegen Julia?« Die Fassungslosigkeit ließ Ambroses Züge schier verschwimmen. »Aber Alma, ich habe Julia nie geliebt. Sie war ein reizendes Kind, die Freundin meiner jungen Jahre, aber geliebt habe ich sie nicht. Meine Mutter mag den Wunsch gehegt haben, ich
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