Das Wesen der Dinge und der Liebe: Roman (German Edition)
könnte sie lieben, weil sie aus einer angesehenen Familie stammte, aber Julia war nie mehr für mich als das unschuldige Nachbarskind. Wir haben gemeinsam Blumen gezeichnet. Sie besaß dafür eine große Begabung. Aber sie starb mit vierzehn Jahren. Ich habe seit vielen Jahren nicht mehr an sie gedacht. Weshalb reden wir bloß von Julia?«
»Warum kannst du mich nicht lieben?«, fragte Alma und schalt sich selbst für die Verzweiflung in ihrer Stimme.
»Ich könnte dich unmöglich noch mehr lieben«, sagte Ambrose, und die Verzweiflung in seiner Stimme stand der ihren in nichts nach.
»Ich bin hässlich, Ambrose. Dieser Umstand war mir nie verborgen. Außerdem bin ich alt. Und doch vermag ich dir einiges von dem zu geben, was du ersehnt hast, Annehmlichkeiten, Kameradschaft. All das hättest du freilich haben können, ohne mich durch eine Ehe zu demütigen. Ich hatte es dir längst gewährt und hätte es dir auf ewig weiter gewährt. Ich war damit zufrieden, dich wie eine Schwester zu lieben, vielleicht sogar wie eine Mutter. Du warst es, der eine Heirat wollte. Du hast den Gedanken an eine Ehe an mich herangetragen. Du hast zu mir gesagt, du wollest jede Nacht an meiner Seite schlafen. Du hast zugelassen, dass ich mich nach etwas sehnte, wonach ich das Verlangen längst überwunden glaubte.«
Sie konnte nicht mehr weitersprechen. Ihre Stimme wurde lauter und brüchig. Dies war der Gipfel aller Schmach.
»Ich brauche keinen Reichtum«, sagte Ambrose, und die Qual ließ ihm die Augen feucht werden. »Das weißt du doch von mir.«
»Und dennoch profitierst du davon.«
»Du verstehst mich nicht, Alma.«
»In der Tat, Mr Pike, ich verstehe Sie nicht im Geringsten. Klären Sie mich bitte auf.«
»Ich habe dich doch gefragt«, sagte er. »Ich habe dich gefragt, ob du eine Ehe der Seelen eingehen willst – eine mariage blanche .« Als sie nicht sogleich antwortete, setzte er hinzu: »Das ist eine keusche Ehe, ohne jeden körperlichen Austausch.«
»Ich weiß, was eine mariage blanche ist, Ambrose«, fauchte Alma. »Ich konnte bereits Französisch, da warst du noch gar nicht auf der Welt. Ich begreife nur nicht, wie du glauben konntest, dass ich so etwas will.«
»Weil ich dich gefragt habe. Ich habe dich gefragt, ob du dies von mir annimmst, und du hast zugestimmt.«
»Aber wann?« Alma war sich sicher, dass sie ihm sämtliche Haare vom Kopf reißen würde, wenn er sich nicht endlich klarer und wahrheitsgetreuer äußerte.
»Damals nachts in der Buchbindekammer, nachdem ich dich in der Bibliothek gefunden hatte. Als wir gemeinsam in der Stille saßen. Da habe ich dich stumm gefragt: ›Nimmst du dies von mir an?‹, und du hast ja gesagt. Ich habe doch gehört, wie du ja gesagt hast. Ich habe gespürt, wie du es sagtest! Leugne es nicht, Alma – du hast meine Frage über alle Grenzen hinweg gehört, und du hast mir deine Zustimmung gegeben! War es nicht so?«
Er sah sie aus schreckensweiten Augen an. Nun war es an ihr, sich wie vor den Kopf gestoßen zu fühlen.
»Und du hast mir ebenfalls eine Frage gestellt«, fuhr Ambrose fort. »Du hast mich stumm gefragt, ob ich das tatsächlich von dir will. Ich habe ja gesagt, Alma! Wenn mich nicht alles täuscht, habe ich es sogar laut ausgesprochen! Ich hätte mich nicht klarer äußern können!«
Alma dachte zurück an jene Nacht in der Bindekammer, an die stumme Explosion erotischen Genusses, an das Gefühl, als seine Frage sie erfüllt hatte und ihre Frage ihn. Was hatte sie da gehört? So klar wie einen Glockenschlag hatte sie ihn fragen hören: »Nimmst du dies von mir an?« Und natürlich hatte sie ja gesagt. Sie hatte schließlich geglaubt, er meine: »Nimmst du solch sinnliche Genüsse wie diesen von mir an?« Und als sie ihn ihrerseits fragte: »Ist es das, was du von mir willst?«, da meinte sie: »Willst du solch sinnliche Genüsse mit mir teilen?«
Gütiger Gott im Himmel, sie hatten beide die Frage des anderen missverstanden! Sie hatten einander übersinnlich missverstanden. Da geschah ein einziges Mal ein klar als solches klassifizierbares Wunder in Alma Whittakers Leben, und sie hatte es falsch gedeutet! Es war mit Abstand der schlechteste Scherz, den sie jemals gehört hatte.
»Ich habe dich nur gefragt«, erwiderte sie müde, »ob du mich willst. Mit anderen Worten: ob du mich ganz und gar willst, so wie Liebende einander gemeinhin wollen. Und ich dachte, du fragst mich dasselbe.«
»Aber ich würde niemanden je darum bitten, mir seinen
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