Das Wesen der Dinge und der Liebe: Roman (German Edition)
wirkten die vertrauten Worte doch beruhigend auf sie. Selig sind, die da geistlich arm sind, selig sind die Sanftmütigen, die Barmherzigen, die, die reinen Herzens sind, die Friedfertigen, die, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden. Selig, selig, selig. So viel Segen, und so reichlich verteilt.
Dann klappte die Frau die Bibel zu und hielt – immer noch auf Englisch – eine kurze, vernehmliche und eigentümliche Predigt.
»Wir werden geboren !«, rief sie. »Wir krabbeln ! Wir laufen ! Wir schwimmen ! Wir arbeiten ! Wir bekommen Kinder ! Wir werden alt ! Wir gehen am Stock ! Aber nur in Gott ist Frieden !«
»Frieden!« , echote die Gemeinde.
»Wenn wir zum Himmel fliegen, dann ist Gott da ! Wenn wir in See stechen, dann ist Gott da ! Wenn wir über Land laufen, dann ist Gott da !«
»Da!« , sagte die Gemeinde.
Die Frau breitete die Arme aus, schloss und öffnete in rascher Folge die Fäuste, mehrmals hintereinander. Dann öffnete und schloss sie ebenso rasch den Mund. Sie kasperte herum wie eine Marionette. Ein paar Gemeindemitglieder kicherten. Die Frau schien sich an dem Gelächter nicht zu stören. Schließlich hielt sie in ihren Bewegungen inne und rief: »Seht uns an! Wir sind klug gebaut ! Wir sind voller Scharniere !«
»Scharniere!« , echote die Gemeinde.
»Aber die Scharniere werden rosten ! Wir werden sterben ! Nur Gott bleibt !«
»Bleibt!« , echote die Gemeinde.
»Der König der Körper hat selbst keinen Körper ! Aber er bringt uns Frieden !«
»Frieden!« , echote die Gemeinde.
»Amen!« , sagte die Frau mit dem blumenbestückten Hut und kehrte an ihren Platz zurück.
»Amen!« , sagte die Gemeinde.
Dann trat Reverend Welles an den Altar und erteilte die Kommunion. Alma reihte sich hinter den anderen ein. Reverend Welles war so winzig, dass sie sich tief hinunterbeugen musste, um seine Gaben zu empfangen. Wein war nicht vorhanden, stattdessen diente die Milch einer Kokosnuss als Blut Christi. Der Leib Christi war ein kleines Bällchen aus etwas Klebrigem, Süßem, das Alma nicht benennen konnte. Es war ihr dennoch willkommen, ausgehungert, wie sie war.
Dann schloss Reverend Welles mit einem beeindruckend kurzen Gebet. »Gib uns den Willen, oh Herr, alle Leiden zu ertragen, die unser Los sind. Amen.«
»Amen« , sagte die Gemeinde.
Und damit war die Messe beendet. Sie konnte kaum länger als eine Viertelstunde gedauert haben. Und doch war so viel Zeit vergangen, dass es, als Alma wieder ins Freie trat, bereits völlig dunkel war und ihr Gepäck samt und sonders verschwunden.
•
»Aber wohin denn?«, fragte Alma. »Und von wem?«
»Hmm.« Reverend Welles kratzte sich am Kopf und musterte die Stelle, an der noch vor kurzem Almas Gepäck gestanden hatte. »Tja, das ist nicht ganz so leicht zu sagen. Vermutlich haben die Jungen es fortgebracht, nicht wahr. In solchen Fällen sind es meist die Jungen. Aber es wurde eindeutig fortgebracht.«
Eine wenig hilfreiche Feststellung.
»Bruder Welles«, begann Alma, außer sich vor Bestürzung. »Ich habe Sie doch gefragt, wo man es sicher verwahren kann! Ich brauche diese Gegenstände dringend! Wir hätten sie doch alle in ein Haus schaffen können, vielleicht hinter eine verschließbare Tür! Warum haben Sie das denn nicht vorgeschlagen?«
Er nickte ernst, zeigte aber sonst kein Zeichen von Unruhe. »Sicher, wir hätten Ihr Gepäck in ein Haus schaffen können. Aber es wäre trotz allem fortgebracht worden, nicht wahr. Entweder sie nehmen es gleich, nicht wahr, oder sie nehmen es später.«
Alma dachte an ihr Mikroskop, an ihr Papier, ihre Tusche, ihre Bleistifte, an ihre Medikamente und ihre Sammelgläser. Und was war mit ihrer Kleidung? Großer Gott, was war mit Ambroses Koffer, der all die gefährlichen, unaussprechlichen Zeichnungen enthielt? Sie war den Tränen nahe.
»Aber ich hatte den Eingeborenen doch Geschenke mitgebracht, Bruder Welles. Sie hätten mich nicht zu bestehlen brauchen. Ich hätte ihnen etwas geschenkt. Ich hatte ihnen Scheren und Bänder mitgebracht!«
Reverend Welles lächelte strahlend. »Nun, offensichtlich haben Ihre Geschenke Anklang gefunden, nicht wahr!«
»Aber es gibt da Dinge, die ich zurückbekommen muss – Dinge von unschätzbarem Wert, an denen mein Herz hängt.«
Er zeigte durchaus ein gewisses Verständnis. Das musste sie ihm lassen. Er nickte freundlich und nahm ihre Bedrängnis zumindest ansatzweise zur Kenntnis. »Das muss Ihnen großen Kummer bereiten, Schwester Whittaker. Aber
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