Das zweite Königreich
ich rede.«
Hylds Gedanken gingen derweil in eine ganz andere Richtung. »Du meinst wirklich, die normannische Burg in York könnte fallen? Ich dachte, diese Burgen sind uneinnehmbar.«
Erik hob leicht die Schultern. »Wenn sie ausreichend bemannt sind.« »Aber was wird aus Cædmon, wenn sie den Dänen in die Hände fällt?« Erik winkte beruhigend ab. »Sollte sie wirklich fallen, wird er sich vorher in Sicherheit bringen. Ich meine, es ist kaum zu übersehen, daß er diesem normannischen Bastard ergeben ist, Gott allein weiß, wieso, aber seine Königstreue geht wohl kaum so weit, daß er sich für ihn abschlachten läßt. So verrückt ist er nun auch wieder nicht.«
Die ganze Nacht hindurch ließen die Angreifer den Rammbock gegen das mächtige Tor donnern, und am Morgen des zwanzigsten September fiel die Burg von York.
Dänen, Schotten und Engländer ergossen sich in den Innenhof und metzelten alles nieder, was sich rührte.
Cædmon und Philip blieben dicht zusammen und versuchten, Rücken an Rücken zu kämpfen, wie Jehan sie gelehrt hatte, um wenigstens zu verhindern, daß sie von hinten niedergemacht wurden. Doch was im Unterricht so plausibel erschienen war, ließ sich in der rauhen Wirklichkeit nicht so ohne weiteres durchführen. Im Innenhof herrschte ein dichtes Getümmel, ständig wurden sie von zwei Seiten gleichzeitig angegriffen und getrennt, stolperten über die vielen Verwundeten und Toten am Boden und glitten im glitschigen, blutigen Morast aus.
Cædmon deckte mehr seine linke Seite denn seine Brust mit dem Schild und schwang sein gewaltiges Schwert, so daß die beiden Dänen, die auf ihn zupreschten, hastig zurückwichen und sich nach leichterer Beute umsahen. Im nächsten Moment waren sie schon verschwunden. Zwei ineinander verkeilte Kämpfer taumelten in sein Blickfeld, ehe sie zusammen stürzten, und dann sprang der nächste Däne über sie hinweg und führte einen mörderischen Schwertstoß auf Cædmons Brust. Im letzten Moment riß er den Schild nach vorn.
Es war aussichtslos, das wußte er. Hatte es schon gewußt, als das Tor brach. Oder eigentlich schon, als der Rammbock zum erstenmal dagegendonnerte. Sie konnten gegen diese Übermacht an Feinden nicht bestehen, sie alle würden hier sterben. Sein Bote war nicht rechtzeitig zum König gekommen, York war eben so furchtbar weit weg von Winchester, und wo immer William sich jetzt befand, er würde zu spät kommen, um sie zu retten. Aber auch wenn er genau wußte, daß er das Unvermeidliche nur hinauszögerte, kämpfte Cædmon dennoch weiter, so wie ein Mann, der lebendig begraben ist, nicht aufhört zu atmen, obwohl er weiß, daß er ersticken muß.
Er nutzte eine winzige Unachtsamkeit des Dänen, trat ihm die Füße weg und rammte ihm die Klinge in den Hals, noch während der baumlange Wikinger zu Boden ging. Dann sah Cædmon blitzschnell über die Schulter, entdeckte Philip einen Schritt zur Linken und folgte ihm, bis sie wieder Rücken an Rücken standen.
Auch Philip sah sich kurz um, und ihre Blicke trafen sich für einen Augenblick.
»Cædmon, wir werden sterben«, sagte er fassungslos, und im nächsten Moment fuhr eine schottische Streitaxt auf seine Brust nieder, grub sich knirschend durch das Kettenhemd und tief in den Körper darunter.Ein Blutschwall schoß aus Philips Mund, der Aufprall schleuderte ihn nach hinten, und noch während Cædmon dachte, Gott, Philip, was für eine verfluchte Sauerei, stieß sein sterbender Gefährte mit enormer Wucht gegen ihn, riß ihn regelrecht um und begrub ihn halb unter sich. Cædmon landete mit dem Gesicht in einer blutigen Pfütze. Angewidert riß er den Kopf hoch und wollte auf die Füße springen, doch schon landete ein zweiter regloser Körper auf seinem Rücken und drückte ihn nieder. Erschöpft bettete er den Kopf auf die Arme, blieb reglos liegen und wartete.
Und ich war so sicher, du würdest kommen, William …
Es hatte wirklich nicht daran gelegen, daß William sich zuviel Zeit gelassen hätte. Er war längst aufgebrochen, als Cædmons Bote ihn erreichte, denn die Nachricht vom Vormarsch der dänisch-schottischen Truppen hatte sich wie ein Lauffeuer verbreitet. Überall im Land flammten neue Rebellionen auf, der totgeglaubte englische Widerstand fand neue Kräfte. Das südliche Northumbria befand sich in Windeseile fest in dänischer Hand, und allerorts feierte die Landbevölkerung die Eindringlinge als lang ersehnte Befreier.
Edwin, der einstige Earl of Mercia und
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