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Das zweite Königreich

Das zweite Königreich

Titel: Das zweite Königreich Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Rebecca Gablé
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Hand vor Augen nicht sah. Behutsam tasteten Hyld und Erik sich zum Zentrum des Lagers vor, und sie entdeckten das große, graue Zelt erst, als sie fast mit der Nase dagegenstießen. Nahe des Eingangs war eine schwache, flackernde Lichtquelle. Lautlos glitten sie darauf zu.
    Durch die Zeltwand erahnten sie die Umrisse einer menschlichen Gestalt, die von einem diffusen Lichtkranz umgeben schien. Ein Wachsoldat mit einer Fackel.
    Hyld und Erik wechselten einen Blick, nickten sich zu, und Erik stimmte wie aus heiterem Himmel ein derbes Seefahrerlied an und drückte beide Hände gegen die Zeltbahn, so daß es von innen so aussehen mußte, als sei er dagegengetaumelt.
    »Wer ist da?« fragte eine barsche, junge Stimme.
    »Ich bin’s nur«, lallte Erik. »Ich dachte, ihr habt hier vielleicht noch was zu trinken …«
    Der Zelteingang wurde zurückgeschlagen, und der Wachsoldat trat mit eingezogenem Kopf in den Regen hinaus. »Hau bloß ab, Mann …« Hyld glitt lautlos von hinten an ihn heran, rammte ihr Knie in seine Kniekehle und gleichzeitig beide Fäuste in seine Nieren. Mit einem gedämpften Protestlaut ging die Wache zu Boden. Eigentlich war verabredetgewesen, daß Erik den Rest erledigte, aber da hatten sie noch nicht gewußt, daß mehr als ein Mann den Zelteingang bewachte. Der zweite Soldat trat hastig heraus und rannte sich die Nase praktisch an Eriks Faust ein, während Hyld ihrem Opfer die verschränkten Hände in den Nacken schlug und dann sein Gesicht in den Schlamm drückte, bis er die Besinnung verlor.
    Mit mehr Entschlossenheit als Eleganz überwältigten sie die überrumpelten Wachen und schlüpften dann geräuschlos ins Innere des Zeltes. Keine Fackel, sondern ein Kohlebecken in der Mitte des abgeteilten kleinen Vorraums war die Lichtquelle. Die züngelnden Flammen blendeten sie nach der regenschwarzen Nacht draußen, und noch ehe sie sich orientieren konnten, wurden sie beide gepackt, je zwei Soldaten stürzten sich auf sie, drehten ihnen die Arme auf den Rücken und zerrten sie näher zum Licht.
    »Was hast du dir gedacht, he?« fragte ein hünenhafter Kerl Erik, und mühelos erkannte er seinen wissensdurstigen Reisegefährten wieder. »Daß du hier einfach so hereinspazieren kannst, um unsere Prinzen zu meucheln, du gottverdammter normannischer Spion?« Der Hüne schlug Erik wütend die Faust in den Magen, und das machte ihn sprachlos.
    Hyld kämpfte mit Klauen und Zähnen, um ihre Arme zu befreien. Im Schatten hinter dem Kohlebecken hatte sie eine zusammengekauerte Gestalt entdeckt. »Eadwig! Eadwig!«
    Vor Überraschung ließen die Wachen sie los. »Verdammt, das ist ein Mädchen …«
    Sie stürzte zu ihrem Bruder und schloß den schlaftrunkenen Jungen in die Arme.
    »Hyld?« fragte er ungläubig. »Was … Wo ist Cædmon?«
    »Ich weiß es nicht.« Sie fuhr ihm über den Schopf, feine, seidige Kinderhaare, die immer noch so hellblond waren wie in den Tagen, da sie ihn gewickelt und umhergetragen hatte.
    »Alles in Ordnung? Geht es dir gut?«
    Er starrte sie mit weit aufgerissenen Augen an und nickte.
    Eine unsanfte Hand packte Hyld an der Schulter. »Komm auf die Füße …«
    »Was geht hier vor?« verlangte eine befehlsgewohnte, aber junge Stimme zu wissen.
    Alle wandten sich um. Am Eingang zum Hauptraum des Zeltes standein breitschultriger, gutaussehender Däne mit nacktem Oberkörper, das blanke Schwert in der Rechten.
    Die Wachen verneigten sich respektvoll. »Dieser Mann und diese Frau wollten hier eindringen, mein Prinz«, erklärte der Hüne grimmig. »Ich bin sicher, sie sind normannische Spione. Er hat behauptet, er sei auf der Emma gesegelt, aber …«
    Erik befreite sich mit einem plötzlichen Ruck von den Händen, die ihn hielten, trat ohne Hast einen Schritt vor und sank vor dem dänischen Prinzen auf die Knie. »Ich bin kein Spion. Ich bitte um Vergebung, daß wir uns hier eingeschlichen haben, aber ich bin …«
    »Erik Guthrumson«, unterbrach Prinz Knut verblüfft. »Ich erinnere mich an dich. Du standest im Dienst des Königs von Norwegen. Wir sind uns in Aarhus begegnet, wo mein Vater und Harald Hårderåde zu Verhandlungen zusammenkamen.«
    Unendlich erleichtert erhob sich Erik. »So ist es.« Er wies zu Hyld, die schützend die Arme um die Schultern ihres Bruders gelegt hatte. »Das ist meine Frau, Hyld. Ich schwöre bei Gott, wir hatten nicht die Absicht, Euch an die Normannen zu verkaufen. Aber der Junge ist ihr Bruder. Deswegen waren wir hier.«
    Knut zog seine schmalen,

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