Das zweite Königreich
trotzdem schien das mächtige normannische Schlachtroß beinah den ganzen freien Raum einzunehmen, und es mußte den Kopf senken, um nicht an die Querbalken zu stoßen, die das Gewicht des Obergeschosses mit dem schweren Mühlstein trugen.
Cædmon brachte seinen durchfrorenen, völlig erschöpften Reisegefährten in die hintere Ecke, wo die beiden Kühe des Müllers standen, und band ihn neben ihnen an.
Dann wandte er sich um und nickte der Müllerin zu. »Verzeiht, daß ich euch einfach so überfalle. Ich …« Er brach ab.
Sie stand von ihrem Lager auf und hielt ihm ihre Decke hin. Wegen der Winterkälte war sie vollständig bekleidet, nur ihr Kopf war unbedeckt. »Hier, Thane. Sie ist noch ganz warm. Nehmt den nassen Mantel ab und wickelt euch in die Decke, während ich das Feuer aufschüre und Euch etwas Heißes mache.«
Schon von ihrer Freundlichkeit wurde ihm wärmer. »Danke.« Er löste die Spange auf der Schulter, die den Mantel hielt, ließ ihn achtlos ins Stroh gleiten und hängte sich die rauhe Wolldecke um.
»Setzt Euch«, drängte der Müller. »Bei allem Respekt, Ihr seht furchtbar aus.«
Cædmon sank auf die Bank nahe am Feuer nieder. In seinem Rücken machte die Müllerin sich zu schaffen, während Hengest eine Handvoll Stroh vom Boden aufnahm und begann, das Pferd trockenzureiben. Niemand sagte etwas. Der Müller und seine Frau wollten keine neugierigen Fragen stellen, und Cædmon war zu durchfroren und erschöpft, um zu reden. Er war keineswegs sicher gewesen, daß er es bis Metcombe schaffen würde. Zweimal war er unterwegs auf Schneewehen gestoßen, die so unüberwindlich schienen, daß er fürchtete, seine Reise sei zu Ende. Irgendwann war er nicht einmal mehr sicher, ob er überhaupt noch dem richtigen Weg folgte.
Als könne der Müller seine Gedanken lesen, sagte er: »Beinah ein Wunder, daß Ihr in diesem Wetter hergefunden habt.«
»Ja. Ja, das ist es wirklich.« Er strich sich die nassen Haare aus dem Gesicht und steckte die gefühllosen Hände dann unter die Achseln, bis die Müllerin ihm einen dampfenden Becher reichte. Er nahm ihn mit einem dankbaren Lächeln und hielt das Gesicht über die aufsteigende Hitze. Der durchdringende Hefegeruch von heißem Bier drang ihm in die Nase. Es gab nicht gerade viele Dinge, die er so verabscheute wie heißes Bier, aber heute trank er es gierig.
»Seid Ihr hungrig?« fragte sie.
Er nickte beschämt. »Es tut mir leid, ich … ich komme als Bettler an eure Tür. Ich kann nicht nach Hause. Das heißt, ich komme von dort, aber ich fand mein Tor von normannischen Soldaten bewacht.«
Hengest strich Widsith bewundernd über die Stirnlocke, kam dann zum Tisch und setzte sich Cædmon gegenüber. »Ja, wir haben davon gehört, daß ein paar Normannen sich auf Eurer Burg eingenistet haben. Alle Welt rätselt, was es damit auf sich hat. Erst dachten wir, Ihr hättet sie in Euren Dienst genommen und hergeschickt, aber … ähm …«
»Ja?«
»Na ja, sie reiten von Dorf zu Dorf und fragen nach Euch.«
Cædmon schloß für einen Moment die Augen. »Seid unbesorgt. Morgen früh werde ich wieder verschwinden. Ich will euch nicht in Schwierigkeiten bringen.«
Hengest und seine Frau tauschten über seinen Kopf hinweg einen beunruhigten Blick.
»Was ist mit meiner Mutter? Und meinen Verwandten?« fragte Cædmon plötzlich erschrocken. »Ich hoffe, die Normannen haben sie nicht auf die Straße gesetzt?«
»Um Gottes willen, nein. Thane, wollt Ihr uns nicht sagen, was passiert ist? Hat der König …«
»Ich bin fertig mit dem König«, unterbrach Cædmon hitzig. »Aber wie es aussieht, ist er noch lange nicht fertig mit mir. Habt ihr irgend etwas von meinem Bruder Eadwig gehört?«
Hengest schüttelte wortlos den Kopf.
Cædmon schlug die Augen nieder. Er fühlte sich so mutlos wie nie zuvor im Leben, und Müdigkeit lag wie Blei auf seinen Gliedern.
»Sobald der Sturm nachläßt, gehe ich nach Helmsby und hole Euren Vetter Alfred«, erbot sich der Müller. »Er wird Euch sagen können, wer die Normannen geschickt hat.«
»Lieber nicht. Vermutlich warten sie nur darauf, daß ich Verbindung zu Alfred aufnehme, und folgen ihm auf Schritt und Tritt.« Dabei hätte er seinen Vetter wirklich gern gesprochen. Und er wollte Gytha und seinen Sohn sehen. Doch am allermeisten, mußte er gestehen, sehnte er sich nach seiner Laute. Aber es war einfach zu riskant. »Wenn du mir einen Gefallen tun willst, Hengest, dann geh zu Alfred, sobald ich fort bin, und sag
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