Das zweite Königreich
ihm, daß ich wohlauf bin. Sicher sind er und meine Mutter in Sorge.«
»Aber wo wollt Ihr hin?«
Cædmon hob kurz die Schultern. »Ich weiß es noch nicht. Vermutlich wird mir nichts anderes übrigbleiben, als England für eine Weile zu verlassen.«
Die Müllerin brachte ihm eine Schale mit kochendheißer Hafergrütze und einen Teller mit Brot und Räucheraal.
Cædmon sah sehnsüchtig darauf hinab. »Seid ihr sicher, daß ihr so viel entbehren könnt?«
Hengest nickte lächelnd. »Wir hatten eine gute Ernte, wißt Ihr. Ausnahmsweisebraucht sich hier mal niemand Sorgen wegen des Winters zu machen. Und ich bin sicher, Euer Vetter Alfred könnte Euch berichten, daß Eure Schatullen von den Pachteinnahmen bersten.«
Cædmon schwieg und aß gierig. Das Herdfeuer knisterte und wärmte ihm den Rücken. Langsam kehrte Leben in seine gefühllosen Hände und Füße zurück. Als sein ärgster Hunger gestillt war, ließen die hämmernden Kopfschmerzen nach, und die lähmende Schwäche wich aus seinen Gliedern. Er fühlte sich viel besser, gestärkt und in der Lage zu berichten, was er erlebt hatte.
»Habt ihr gehört, was der König in Northumbria getan hat?« fragte er leise.
»Es gibt einen Haufen Gerüchte«, antwortete Hengest. »Haarsträubende Geschichten.«
»Es ist alles wahr. Deswegen habe ich mich mit dem König überworfen.« Nachdem er geflohen war, war er erst einmal zurück nach York geritten, zuversichtlich, daß der König das niemals annehmen und dort ganz sicher nicht nach ihm suchen würde. Cædmon wollte sich vergewissern, daß es Hyld und den Kindern gutging, und er wollte herausfinden, ob Erik etwas über Eadwig in Erfahrung gebracht hatte. Doch in York fand er nur Eriks Onkel Olaf, der ihm sagte, Erik und Hyld hätten die Stadt kurz vor dem Fall der Burg verlassen. Also war Cædmon über einen Monat lang kreuz und quer durch Yorkshire geritten, um sie zu suchen, und hatte gesehen, mit welch grausiger Gründlichkeit die normannischen Soldaten die Befehle ihres Königs ausgeführt hatten.
»Es ist … es ist unbeschreiblich«, sagte er hilflos. »Viele Dörfer sind ganz und gar verlassen. Die Überlebenden haben sich nach Süden aufgemacht. Im Norden gibt es einfach nichts mehr zu essen. Nichts. Das Vieh ist abgeschlachtet, die Ernte verbrannt, auch das Saatgut. Ich habe ungezählte Flüchtlingsgruppen auf den Straßen gesehen, meist Frauen und Kinder. Sie sind … vollkommen verzweifelt.«
Zweimal war er von Banden abgerissener Greise und halbwüchsiger Jungen überfallen worden, die sein Pferd wollten, um es zu schlachten. Aber sie waren schon zu schwach und ausgezehrt, um gefährlich zu sein, er war ihnen einfach davongeritten. Junge, vormals anständige Mädchen hatten sich an seinen Steigbügel gehängt und sich ihm für ein Stück Brot angeboten. Sie glaubten, er sei reich und müsse die Satteltaschen voller Proviant haben, weil er eine gute Rüstung trug und ein so prächtiges Pferd ritt. Dabei hungerte er inzwischen selbst. Schamloshatte er in des Königs Wäldern gewildert, nur deswegen war er überhaupt lebend bis nach Ely gekommen. Er war nur zwei Nächte dort geblieben. Bruder Oswald, der inzwischen der Prior des mächtigen Klosters war, hatte ihn ebenso wie Guthric gedrängt, ein paar Tage auszuruhen und wieder zu Kräften zu kommen, aber er wagte es nicht. Er wußte, falls der König nach ihm suchen ließ, würden sie hierher sicher zuerst kommen.
»Warum?« fragte die Müllerin verstört. »Warum hat der König das getan?«
»Weil er ein Vieh ist«, spie Hengest hervor. »Ein Satan.«
Cædmons erster Impuls war immer noch, William in Schutz zu nehmen. Aber er tat es nicht. Es war unmöglich. Es gab einfach keine Rechtfertigung.
»Er will, daß die Dänen den Winter über in Northumbria nichts zu essen finden und ihnen nichts anderes übrigbleibt, als heimzukehren. Und er will den Widerstand der Northumbrier brechen. Wenn sie damit beschäftigt sind, ums nackte Überleben zu kämpfen, werden sie keine Kraft für Rebellionen übrig haben. Und wenn sie alle verhungern, dann … dann wird er ihnen keine Träne nachweinen«, schloß Cædmon tonlos. Er vergrub das Gesicht in den Händen. »Ich hab ihm vertraut. König Edward hatte ihm die Krone versprochen, und sie stand ihm zu. Dann mußte er sie sich erkämpfen, und er hat sie bekommen, weil Gott auf seiner Seite war, sagt er. Ich war sicher, er habe recht. Er hat geschworen, dem englischen Volk ein gerechter Herrscher zu sein, und
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