Das zweite Königreich
Blicke über die Schulter, während er die Treppen hinaufeilte, aber auch in den Gängen war niemand – vermutlich saßen alle beim Festmahl. Heute war das Fest der unschuldigen Kindlein, das an den Kindermord von Bethlehem erinnern sollte. In England war es der Tag, da die Kinder sich fast alles erlauben konnten, jeder Streich, jeder Unfug ungestraft blieb. Aber solche Disziplinlosigkeiten gab es in der Normandie natürlich nicht. Hier war es einfach der vierte Tag der zweiwöchigen Weihnachtsfeierlichkeiten.
Die langen Gänge wurden nur von wenigen Fackeln erhellt. Die Flammen flackerten in der ewigen Zugluft und warfen gespenstische, zuckende Schatten an die dunklen Mauern. Cædmon hastete weiter, seine Schritte hallten ein wenig unheimlich auf den nackten Steinfliesen. Trotz des schwachen Lichts hatte er keine Mühe, sich zu orientieren. Er war drei Jahre fort gewesen, aber diese Burg war ihm bis in jeden Winkel vertraut. Es befremdete ihn ein wenig, wie heimisch er sich hier fühlte. Ohne anzuklopfen schlüpfte er in die kleine Kammer. »Wulfnoth?«fragte er in den dunklen Raum hinein, während er die Tür schloß. »Bist du hier?«
Er bekam keine Antwort, tastete sich zum Tisch vor und zündete die Lampe an. Wulfnoths Quartier war unverändert bis auf einen schlichten, aber sorgfältig gearbeiteten Teppich an der Fensterwand, der zeigte, wie der heilige Josef von Arimathäa mit dem Jesuskind in England an Land ging. Cædmon fragte sich, wer ihn wohl gestickt hatte. Nicht gerade viele Leute außerhalb Englands wußten von der Kaufmannsfahrt, die den heiligen Josef und das Jesuskind nach Glastonbury geführt hatte. Die geheimnisvolle normannische Dame vielleicht, der offenbar Wulfnoths Herz gehörte?
Er sah sich weiter suchend um. Sein Atem formte weiße Dampfwolken. Der unbeheizte Raum war eisig kalt.
Die Laute lehnte immer noch in ihrer abgewetzten Hülle an der Wand gleich neben dem Tisch. Er atmete tief durch, hob sie behutsam hoch und hauchte seine kalten Finger an. Ungeduldig, voller Erwartung stimmte er die Saiten. Dann begann er zu spielen.
»Du bist wirklich gut geworden«, sagte Wulfnoth leise an der Tür. »Viel besser als ich.«
Cædmon hielt inne und hob den Kopf. »Dann sollte ich vielleicht erwägen, mich fortan als Spielmann durchzuschlagen«, murmelte er und wischte sich verstohlen mit dem Ärmel übers Gesicht. Er hatte überhaupt nicht gemerkt, daß er weinte, und er schämte sich.
Wulfnoth warf einen kurzen Blick auf den Gang hinaus, schloß dann leise die Tür und trat an den Tisch. Cædmon hatte die Laute beiseite gelegt und stand auf. Sie umarmten sich wortlos. Cædmon kniff die Augen zu und biß sich auf die Zunge, um zu verhindern, daß er irgend etwas unverzeihlich Sentimentales sagte.
Wulfnoth tat es für ihn. »Du hast mir ziemlich gefehlt, weißt du.«
Er klopfte ihm kurz die Schulter, tröstend, so schien es Cædmon, ließ ihn dann los und trat einen Schritt zurück. Sie betrachteten einander mit unverhohlener Neugier.
Wulfnoth schien unverändert, war höchstens eine Spur hagerer geworden. Er trug die immer noch vollen, dunkelblonden Haare länger als früher und hatte sie mit einer Schnur im Nacken zusammengebunden. Seine meergrauen Augen schimmerten feucht, und er verzog einen Mundwinkel, spöttisch und schmerzlich zugleich.
»Du siehst alt aus, mein Freund.«
»Ich fühl’ mich auch alt.«
Wulfnoth legte ihm wieder die Hand auf die Schulter und führte ihn zum Tisch. »Setz dich. Ich denke, ich schicke nach heißem Wein und einem Kohlebecken. Das ist ein übler Husten, den du dir da leistest.« Cædmon winkte ab. »Tu lieber nichts, was Aufmerksamkeit erregt. Nicht nötig, daß sie mich gleich heute abend hier finden.«
Wulfnoth nickte. »Sei unbesorgt. Niemand hier wundert sich über meine Grillen, das weißt du doch. Und ich schicke oft nach Wein, seit ich mir angewöhnt habe, abends hier zu sitzen und zu lesen.«
»Lesen?«
»Tja. Es ist unglaublich, wozu die Langeweile einen Mann treiben kann.« Er legte einen Finger an die Lippen und ging auf den Gang hinaus.
Sie redeten viele Stunden lang. Cædmon war nicht verwundert, als er feststellte, daß Wulfnoth über die Ereignisse in England während der letzten drei Jahre genauestens im Bilde war. Zwischen England und der Normandie gab es ein ständiges Kommen und Gehen, auch waren viele englische Geiseln nach der Schlacht von Hastings nach Rouen geschickt worden. Und Wulfnoth war ein aufmerksamer
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