Das zweite Königreich
Zuhörer, er hatte ein bemerkenswertes Talent, Dinge in Erfahrung zu bringen.
»Jedenfalls könnte ich mir vorstellen, daß William dich schmerzlich vermissen wird«, bemerkte er, als er den Rest des inzwischen abgekühlten Weins auf die beiden Zinnbecher verteilte. »Er hat dir getraut.« Cædmon zuckte ungeduldig mit den Schultern. »Ich weiß nicht, ob er je irgendwem wirklich traut.«
»Nun, immerhin hat er seine Söhne in deine Obhut gegeben.«
»Wie auch immer. Jetzt ist es jedenfalls vorbei.« Cædmon trank einen Schluck, um den Husten zu unterdrücken. Er war seit Wochen erkältet, und weil er auf der Flucht und kaum je im Warmen war, wurde es nicht besser. Vielleicht war es ja das Winterfieber. Dann wäre er all seine Sorgen bald los …
»Und was willst du tun?« fragte Wulfnoth nach einem längeren Schweigen. Cædmon stützte den Ellbogen auf den Tisch und das Kinn auf die Faust. »Ich will verdammt sein, wenn ich das weiß. Es wird mir nichts anderes übrigbleiben, als irgendwohin zu gehen, wo nicht William der Bastard herrscht.« Er ließ die Faust sinken. »Ist nicht deine Schwester Königin im Reich der Russen?«
Wulfnoth schüttelte den Kopf. »Meine Nichte. Harolds Tochter.«
»Aber du weißt, wo dieses Land liegt?«
»Sicher. Das ist nicht weiter schwierig. Mehr oder minder schnurgerade nach Osten.«
»Oder ich könnte nach Byzanz gehen.« Am Hof des byzantinischen Kaisers gab es eine vielgerühmte angelsächsische Leibgarde, die Waranger, wo er gewiß Aufnahme finden würde. »Oder nach Sizilien und mit den normannischen Glücksrittern zusammen um Land und Beute kämpfen. Oder Williams Feinden hier in Frankreich meine Dienste und die vielen Geheimnisse anbieten, die ich als des Königs Übersetzer mit den Jahren erfahren habe. Ich bin sicher, sie wären begeistert …« »Nur hast du zu all dem nicht die geringste Neigung?«
Cædmon schüttelte trübsinnig den Kopf. »Aber für eine dieser Möglichkeiten werde ich mich entscheiden müssen.«
»Cædmon«, sagte Wulfnoth eindringlich und lehnte sich leicht vor. »Ich bin sicher, der König wird dir verzeihen, wenn du …«
»Verdammt, das ist nicht der Punkt!« unterbrach Cædmon hitzig. »Die Frage ist doch wohl vielmehr, ob ich ihm verzeihen kann.«
»Das wirst du.«
»Nein. Das glaube ich wirklich nicht.«
Wulfnoth widersprach ihm nicht. Er hatte gehört, was in Northumbria geschehen war. Er führte einen regen Briefwechsel mit seiner Nichte Matilda, Williams Königin. Sie hatte ihm davon geschrieben. Und auch wenn sie vorbehaltlos zu ihrem Mann stand und vielleicht der einzige Mensch der Welt war, der das Wunder fertigbrachte, William zu lieben, hatte sie Wulfnoth doch ihr Entsetzen über diese beispiellose Tat gestanden. Und er war erschüttert gewesen, als er es las. Wieviel schlimmer mußte es für Cædmon sein, der es mit eigenen Augen gesehen hatte.
»Weißt du, Cædmon, es mag dir unvorstellbar erscheinen, aber die Frage, ob du William verzeihen kannst oder nicht, ist völlig unbedeutend.« Cædmon sah ihn verständnislos an.
»Das interessiert niemanden als nur dich. Und mich vielleicht. Die umgekehrte Frage hingegen wird Auswirkungen auf dein Leben und das deiner Familie haben. Natürlich kannst du fortgehen. Aber das würde bedeuten, daß es dir so ergeht wie mir. Ein Fremder in einem fremden Land. Und du weißt, was das bedeutet, du warst lange genug hier.«
Cædmon nickte. Er wußte nichts zu sagen.
»Und es würde bedeuten, daß du nie erfährst, was aus deinem Bruder geworden ist. Das würde dir niemals Ruhe lassen, ich kenne dich. Und wenn William zu dem Schluß kommt, daß du dich endgültig aus dem Staub gemacht hast, wird er dein Lehen einem anderen geben. Einem Normannen. Lucien de Ponthieu vielleicht? Das wäre einer der grausamen kleinen Scherze, die William so gerne mit seinen Feinden treibt. Was für ein Leben hätten deine Bauern dann?«
»Gott, Wulfnoth, warum tust du das …«
»Und deine Mutter? Natürlich, sie ist Normannin, das wird ihr manches ersparen, aber letztlich wäre ein Kloster der einzige Ort, wo sie hingehen könnte. Und Richard und Rufus? Wie sollen sie England verstehen lernen, wenn sie dich nicht mehr haben?«
»Hör auf.«
»Und Aliesa?«
Cædmon donnerte die Faust auf den Tisch. »Ist Etiennes Frau!«
»Aber sie liebt dich. «
Cædmon saß wie erstarrt. »Woher … woher willst du das wissen?«
Wulfnoth lächelte und stand auf. »Laß uns schlafen gehen. Du wirst das Bett mit
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