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Das zweite Königreich

Das zweite Königreich

Titel: Das zweite Königreich Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Rebecca Gablé
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bissig.
    »Willst du den Rest hören?«
    »Meinetwegen.«
    Wulfnoth breitete die raschelnde Pergamentrolle wieder aus: »Sagt ihm, er soll nach Flandern zu meinem Bruder gehen und dort bleiben, bis ich ihm Nachricht schicke. Sagt ihm, es sei mein Wunsch. Matilda, Regina Anglorum. «

Winchester, April 1070
    Man mochte darüber streiten, ob es Anlaß zum Feiern gab oder nicht, jedenfalls waren die Festlichkeiten bei Hofe wieder einmal so prächtig, daß mancher Thane vom Lande vor Ehrfurcht erstarrte und mancher Mönch mißfällig das geschorene Haupt schüttelte.
    In der österlich geschmückten königlichen Halle bedeckten schneeweiße Tischtücher die Tafeln, die sich unter den Platten mit erlesenen Speisen und den goldenen und silbernen Bechern nur so bogen. Die rußgeschwärzten, alten Wandteppiche waren durch neue ersetzt worden. Nach Entwürfen der Königin, munkelte man, aber ausgeführt von den unvergleichlichen englischen Stickerinnen. Die Teppiche an den Längswänden zeigten Jagdszenen der unterschiedlichsten Art, Ritter und Damen bei der Falkenjagd oder Männer bei der Hirsch- oder Eberjagd. Der prächtigste Teppich jedoch hing hinter der erhöhten Tafel an der Stirnwand des Saales. Er reichte vom Boden bis zur Decke und gab Szenen aus dem Chanson de Roland wieder.
    Der König und die Königin und jeder ihrer Gäste, der es sich leisten konnte, trugen neue Gewänder in leuchtenden Farben.
    Dreimal im Jahr hielt der König Hof – zu Ostern in Winchester, zu Pfingsten in Westminster und zu Weihnachten in Gloucester. Die Curia Regis – alle Adligen, hohen Ritter, Bischöfe, Erzbischöfe und Äbte – versammelte sich zu diesen Anlässen, und es wurde beraten, Gericht gehalten, intrigiert, alte Freund- und Feindschaft aufgefrischt und vor allem regiert.
    Cædmon ging zögernd von den Stallungen zur Halle hinüber. Schon von weitem hörte er das Stimmengewirr und die Instrumente der Musiker, aber ihm graute davor einzutreten. Kommt Ostern nach Winchester, lautete die Nachricht der Königin, die ihn in Gent erreicht hatte. Mehr nicht. Er hatte Herzog Balduin, dem Bruder der Königin, für seine Gastfreundschaft gedankt und war umgehend aufgebrochen, erleichtert, dem öden Niederland mit seinem ewigen Regen und seiner fremden Sprache zu entrinnen. Aber jetzt, da er hier war, plagten ihn Zweifel, ob er das Richtige getan hatte.
    Die Unentschlossenheit hemmte seine Schritte, bis sie fast zum völligen Stillstand kamen. Was tat er nur hier? Was sollte das alles? Es hatte sich nichts geändert, nur weil er ein paar Monate fort gewesen war. Davon würden die Toten in Northumbria nicht wieder zum Leben erwachen, das Korn nicht in die Scheunen zurückkehren, der Hunger und das Elend kein Ende nehmen. Wozu war er also zurückgekommen? Fast war er im Begriff kehrtzumachen, als eine energische Hand sich auf seine Schulter legte. »Nichts da. Du wirst schön hierbleiben.«
    Cædmon fuhr herum. »Etienne!«
    Sein Freund ließ die Hand sinken und betrachtete ihn mit einem Seufzen.»Jetzt haben wir uns alle solche Mühe gegeben, die Wogen zu glätten. Komm ja nicht auf die Idee zu kneifen.«
    Cædmon sah zu Boden. »Ich hätte nicht übel Lust dazu.«
    Etienne nahm wieder seinen Arm. »Komm.«
    »Wohin?«
    »Zu einem Verschwörertreffen.«
    Cædmon ließ sich unwillig über die große, menschenleere Wiese ziehen. Es nieselte ein wenig – kein strahlendes Osterwetter – aber es war nicht kalt. Das Gras hatte eine satte, junge Frühlingsfarbe, dichte Büschel von Narzissen blühten darin und nickten sacht in der Brise.
    »Chester ist gefallen?« fragte Cædmon.
    Etienne nickte. »Natürlich.«
    Natürlich. Früher oder später fielen sie alle. Nichts konnte William auf Dauer standhalten. Niemand. Cædmon betrachtete seinen Freund von der Seite, während sie zur Kapelle hinübergingen. »Du siehst mitgenommen aus.«
    Etienne hob kurz die Schultern. »So einen Winter möchte ich nicht noch einmal erleben. In den Bergen habe ich ein paarmal gedacht, das sei das Ende.« Er schüttelte langsam den Kopf. »Du kannst dir nicht vorstellen, wie wir gefroren haben. Und gehungert. Und die Märsche waren … ein Alptraum.«
    »Aber das Beispiel des Königs hat euch alle angespornt, über euch hinauszuwachsen«, mutmaßte Cædmon. In seiner Stimme lag kein Hohn.
    Etienne nickte. »So war es. Jetzt komm. Sie warten in der Kapelle auf dich, und sie wollen gern so bald wie möglich zurück zum Festmahl.« Cædmon blieb stehen. »Wer sind

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