Das zweite Königreich
angespannt. Mit unbewegter Miene sah er Cædmon entgegen, und als Richard, der drei, vier Plätze von seinem Vater entfernt saß, freudig aufsprang, um Cædmon zu begrüßen, warf der König ihm einen so drohenden Blick zu, daß der Junge blaß wurde, sich schleunigst wieder setzte und den Kopf senkte. Matilda an Williams rechter Seite ließ Cædmon nicht aus den Augen. Ihr Blick war ernst, aber freundlich, beinah mitfühlend. Cædmon wurde noch elender davon. Er schlug die Augen nieder, schluckte trocken, und als ihn nur noch ein Schritt von der hohen Tafel trennte, sank er auf die Knie nieder.
»Ich höre«, sagte der König eisig.
»Ich bin gekommen, um Euch meiner Treue und Ergebenheit zu versichern, Sire«, sagte Cædmon. Es klang heiser.
»Habt die Güte und sprecht ein wenig lauter, Monseigneur.«
Cædmon räusperte sich. »Ich bin gekommen …«
»Ja ja, ich bin ja nicht taub. Nun, es wird nicht so leicht sein, mich von Eurer Treue und Ergebenheit zu überzeugen. In Anbetracht der Umstände.« Hier und da erhob sich leises, hämisches Gelächter. Der König wartete, bis es vollkommen verklungen war, ehe er fortfuhr: »Was wollt Ihr tun, um mein erschüttertes Vertrauen zurückzugewinnen?«
»Ich werde einen Eid schwören.«
»Hm. Ich habe in den letzten Jahren nicht immer die besten Erfahrungen mit englischen Eiden gemacht.«
Dieses Mal war das Gelächter deutlich lauter.
Cædmon kam ein grauenvoller Verdacht. Der König hatte nie die Absicht gehabt, ihm einen neuen Eid abzunehmen. Er hatte der Versöhnung nur zum Schein zugestimmt, um diese Gelegenheit zu bekommen, Cædmon vor seinem zwar nicht mehr vollzählig versammelten, aber immer noch recht großen Hof zu demütigen. Ein eisiger Schauer kroch Cædmon über den Rücken. Er hatte keine Ahnung, was er tun sollte. Das hier verlief ganz und gar nicht so, wie Odo und Lanfranc vorhergesagt hatten. Mit Mühe rang er den Impuls nieder, aufzuspringen und zu fliehen. Er wäre ja nicht einmal bis zur Tür gekommen. Statt dessen zwang er seinen Kopf hoch und sah dem König in die Augen. Und was ist mit deinem Eid, dachte er bitter. In Berkhamstead, als der Erzbischof von York dir die Krone antrug. Ich war dabei, ich habe mit eigenen Ohren gehört, wie du gelobt hast, dem englischen Volk ein gerechter Herrscher zu sein und alles zu tun, das in deiner Macht steht, um seinen Frieden zu wahren und seine Küsten zu verteidigen. Und was hast du getan? Was hast du getan?
Er sagte nichts von alldem. Aber er gab sich auch keine besondere Mühe, seine Gefühle zu verbergen. Und was immer der König in seinem Gesicht sah, bewog ihn zu einem seiner berüchtigten plötzlichen Stimmungswechsel. Das gewinnende Lächeln glomm mit einemmal in den dunklen Augen auf, machte die bleichen, zerfurchten Züge weicher. Es hörte nie auf, Cædmon zu verblüffen, daß dieses Lächeln selbst die prägnante Hakennase zu entschärfen schien.
»Und worauf wollt Ihr schwören, Cædmon?«
»Was immer Euch gutdünkt, Sire.«
Der König erhob sich, trat vor ihn und nahm das goldene Reliquiar ab, das er seit der Schlacht von Hastings zu jedem feierlichen Anlaß um den Hals trug. Er hielt die grobgliedrige Kette in der Hand, währendCædmon die Linke auf den kleinen Schrein legte und die Rechte zum Schwur hob.
William sah zu Lanfranc. » Abbé, wenn Ihr so gut sein wollt …«
Lanfranc trat zu ihnen und machte Anstalten, Cædmon den genau abgesprochenen Wortlaut des Eides vorzusprechen, aber Cædmon kam ihm zuvor. Er hob den Kopf ein wenig, sah dem König ins Gesicht und sagte: »Ich schwöre Euch Treue und Erfüllung all meiner Lehnspflichten. Euch und die Euren und Euer Reich dies- und jenseits des Kanals mit all meinen Kräften und notfalls mit meinem Leben gegen alle Feinde zu verteidigen. Alles zu tun, was in meiner Macht steht, um Euch und das englische Volk einander nahezubringen. Euch und Eurem Willen zu folgen in allem, was recht ist. Und sollte ich diesen Eid brechen, soll Gott die Hand verdorren lassen, mit der ich ihn schwor.«
Er ließ die Hände sinken und schlug die Augen nieder.
»In allem, was recht ist«, murmelte William.
Lanfranc trat zu ihm und wisperte. So leise, daß niemand außer dem König seine Worte hörte.
Es war lange still. In der Halle erhob sich verhaltenes Raunen und Füßescharren, das Schweigen erfüllte die Gäste mit Unbehagen.
Cædmon spürte sein Herz in der Kehle pochen. Schließlich legte er die Handflächen zusammen und hob sie. »Sire,
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