Das zweite Königreich
es ist der einzige Eid, den ich Euch geben kann. Aber Gott ist mein Zeuge, jedes Wort davon ist mir ernst und heilig.«
Plötzlich umschlossen Williams warme, große Hände die seinen. Er hielt sie einen Moment, und Cædmon kniff die Augen zu. Er fühlte sich erlöst. Dann hob der König ihn auf und schloß ihn kurz in die Arme. Warmherzige Gesten waren seiner Natur fremd; er tat sich schwer damit. Warmherzige Worte erst recht. Aber Cædmon wollte auch gar nichts hören.
Die weinselige Hofgesellschaft applaudierte gerührt, und Cædmon dachte gallig, zum Teufel mit euch allen, eben habt ihr mich noch ausgelacht, und hätte er den Eid nicht akzeptiert und mich statt dessen zu Gott allein weiß was verdammt, dann wäre euch das genauso recht gewesen. Mindestens.
Aber er konnte nicht lange grollen. Seine Erleichterung stimmte ihn milde. Erst jetzt wurde ihm wirklich bewußt, wie entwurzelt und verzweifelt er während seiner ziellosen Flucht gewesen war. Er gab sich keinen großen Illusionen hin – William würde immer bleiben, was erwar; ihr nächstes Zerwürfnis würde so sicher kommen wie das Weltgericht. Aber das war letztlich bedeutungslos. Denn nur hier konnte er sein.
William hatte sich abgewandt und sprach leise mit Lucien de Ponthieu. Cædmon verneigte sich vor der Königin und sagte: »Ich stehe sehr tief in Eurer Schuld, Madame.«
Sie nickte. »Leistet dem König fortan treue Dienste, nur so könnt Ihr sie begleichen.« Sie lächelte nicht und war unerwartet kühl. Vermutlich war sie ärgerlich, daß er den Eid vollkommener Unterwerfung, den Lanfranc, Odo und Etienne ihm hatten schmackhaft machen wollen und den sicher auch sie mit ausgeheckt hatte, verweigert hatte.
Er verzichtete auf weitere Beteuerungen, aber ebenso auf jede Rechtfertigung. Matilda war eine großzügige Frau und hatte ein mitfühlendes Herz, aber noch am Schlund der Hölle hätte sie zu William gestanden. Widerstand gegen ihn betrachtete sie als persönlichen Affront. Und mochte sie auch die treibende Kraft hinter dieser Versöhnung sein, hieß das offenbar noch lange nicht, daß sie ihm die Beleidigung so ohne weiteres verzieh.
Cædmon überlegte unbehaglich, ob er wohl entlassen war und sich an einen weniger exponierten Platz zurückziehen durfte, als Lanfranc ihn zu sich winkte.
Auf Cædmons fragenden Blick hob die Königin die Hand zu einer knappen Geste, und erleichtert trat er zu dem großen Abt in den Schatten einer Säule.
»Mein Glückwunsch, Thane«, raunte Lanfranc. »Wißt Ihr, ich kenne den König seit beinah zwanzig Jahren, aber wenn Ihr mich vorher gefragt hättet, hätte ich gesagt, daß Ihr niemals damit durchkommt.« Cædmon lächelte verlegen. »Ich wußte nicht, daß Ihr ihm schon seit so langer Zeit verbunden seid.«
Lanfranc lachte in sich hinein. »Anfangs waren wir nicht gerade ›verbunden‹. Ich habe alles unternommen, was in meiner Macht stand, um seine Heirat mit Matilda zu vereiteln.«
Cædmon war verblüfft. »Oh. Warum?«
»Weil es der Wunsch Seiner Heiligkeit war, natürlich.«
»Verstehe. Ich muß gestehen, es verwundert mich ein wenig, daß Ihr dennoch einer seiner engsten Vertrauten geworden seid.«
Der Abt neigte den Kopf und betrachtete ihn amüsiert. »Tatsächlich? Mich verwundert, daß Euch das verwundert. Ich dachte, gerade Ihrwüßtet, wie sehr Opposition ihm imponiert. Wenn sie wohldosiert ist, versteht sich. Andernfalls zertritt er sie unter seinem Absatz.«
Cædmon atmete tief durch. »Ich kann nicht behaupten, daß ich Euer Kalkül besitze, Monseigneur. Ich habe das einzige getan, was mir zu tun übrigblieb.«
Lanfranc lächelte kurz. »Ein gesunder Instinkt ist mindestens soviel wert wie Kalkül.«
»Wie habt Ihr Euch ausgesöhnt?« fragte Cædmon neugierig.
»Nun, William verbannte mich aus der Normandie, und ich machte mich auf den Weg zur Grenze, aber ein lahmes Pferd war alles, was mein Abt in Bec mir hatte geben können. Unterwegs traf ich William.«
»Rein zufällig, natürlich«, murmelte Cædmon.
»Natürlich. Ich sagte ihm, ich würde seinem Befehl schneller Folge leisten, wenn er mir ein besseres Pferd gäbe. Er hat gelacht. Er besitzt viel Humor, wißt Ihr. Und dann kamen wir ins Gespräch, und er beschloß, meine Verbannung aufzuheben.«
Cædmon nickte nachdenklich. »Bec. Natürlich. Ihr wart dort Prior, ehe Ihr Abt in Caen wurdet, nicht wahr? Und Papst Alexander war Euer Schüler dort, entsinne ich mich recht? Also habt Ihr den päpstlichen Dispens für
Weitere Kostenlose Bücher