Das zweite Königreich
gebührlichem Abstand gefolgt war, trat einen Schritt vor und übersetzte:
»Im Namen seines Vaters, König Sven, entbietet Prinz Knut Euch seinen Gruß. Schwager, wo sind meine Frau und mein Sohn?«
Cædmons Miene blieb vollkommen ungerührt, nicht einmal das leiseste Blinzeln hätte verraten können, daß er den Übersetzer des dänischen Prinzen kannte. Wortgetreu übersetzte er seinen Gruß ins Normannische.
»Seid auch Ihr gegrüßt, Prinz Knut, und erweist Uns die Ehre, Uns an der Tafel Gesellschaft zu leisten«, antwortete William mit ausdrucksloser Miene.
Cædmon wiederholte dies in englischer Sprache und fügte nahtlos an: »Hyld ist hier. Es geht ihr gut, sie erwartet ein Kind.«
Erik übersetzte die Einladung. Der Prinz trat an die Tafel, ließ sich ein gutes Stück von William entfernt nieder, stützte flegelhaft die Ellbogen auf und sagte etwas.
»Der Prinz dankt deinem König, und es wird ihm eine Freude sein, mit einem so ruhmreichen Feind zu trinken. Weißt du irgend etwas über meine Geschwister?«
Cædmon übermittelte die Antwort, während Alfred dem Prinzen einen Becher erstklassigen Helmsby-Met brachte. Sie waren übereingekommen, daß Met einen dänischen Prinzen wahrscheinlich versöhnlicher stimmte als der saure, französische Wein, den die Normannen so liebten.
»Laßt Eure Köchin wissen, sie kann auftragen, Cædmon«, beschiedWilliam. »Und fragt Knut, wie lange sein Vater noch gedenkt, den schönen englischen Sommer zu genießen.«
Cædmon gab Alfred ein unauffälliges Zeichen, der sich auf leisen Sohlen entfernte, um der Köchin Bescheid zu geben. Unterdessen übersetzte Cædmon und sagte zu Erik: »Leif und Irmingard sind beide hier. Sei unbesorgt.«
Prinz Knut warf seinem Übersetzer einen verwirrten Blick zu, vermutlich fragte er sich, was zwei nordische Namen in der Unterhaltung zu suchen hatten.
Erik ignorierte den Blick des Prinzen ebenso wie die Frage des Königs. Die bleigrauen Augen sahen Cædmon unverwandt an.
»Was ist mit meinem Sohn?«
»Erik …«
»Was ist mit meinem Sohn?!«
»Dein Sohn ist tot.«
»Cædmon …«, meldete der König sich beunruhigend leise zu Wort. »Ich weiß, Sire. Ich tue, was ich kann, um Eure Frage an den dänischen Prinzen zu übermitteln, aber …«
Erik hatte sich von der Tafel abgewandt, sie sahen nur seinen Rücken. Der Prinz stellte in schneidendem Tonfall eine Frage und bekam eine einsilbige, leise Antwort. Knut sprach wieder, aber Erik fiel ihm ins Wort, fuhr ihm regelrecht über den Mund und wandte sich endgültig ab. Er hatte noch keine zwei Schritte zurückgelegt, als der Prinz aufgesprungen war, ihn packte, ein großes Jagdmesser an seine Kehle hielt und sehr ruhig, aber drohend etwas zu ihm sagte.
Erik stand reglos, hatte den Kopf abgewandt und schwieg.
Der Prinz schüttelte ihn und sprach eindringlich im Befehlston auf ihn ein, als zu Cædmons größter Verblüffung Eadwig hinzutrat und bedächtig sprach.
Der dänische Prinz ließ von Erik ab, schien ihn augenblicklich zu vergessen und legte Eadwig seine mächtige Pranke auf die Schulter. »Eadwig, mein kleiner Freund!«
Eadwig tauschte ein paar gemurmelte Worte mit ihm, ehe er sich mit einer tiefen Verbeugung an den König wandte. »Der Prinz bittet Euch wegen des ungebührlichen Betragens seines Übersetzers um Verzeihung, Sire.«
Niemand außer Cædmon bemerkte, daß Erik mit gesenktem Kopf zur Treppe eilte, ohne auch nur einen Blick zurückzuwerfen.
William sah Eadwig mit hochgezogenen Brauen an. Dann bedachte er Cædmon mit seinem trägen Wolfsgrinsen. »Ihr habt mir nie verraten, daß Euer Bruder dänisch spricht.«
»Ich habe es nicht geahnt, Sire«, erwiderte Cædmon verwirrt.
Fortan übersetzte also Eadwig direkt zwischen den beiden Verhandlungspartnern, aber Cædmon blieb hinter dem Stuhl des Königs stehen, um seinen Bruder wenigstens moralisch zu unterstützen und ihm hier und da notfalls mit ein paar normannischen Worten unter die Arme zu greifen. Er wußte, was für eine schweißtreibende Angelegenheit es war, in schwierigen Verhandlungen zu übersetzen, wie leicht man zum Sündenbock für alle Mißverständnisse wurde. Eadwig merkte schnell, daß es wesentlich einfacher war, aus der dänischen in die verwandte englische Sprache zu übersetzen, also übernahm Cædmon wieder die vertraute Rolle als Ohr und Mund seines Königs.
Der saftige, zarte Rehrücken, den Cædmons Köchin bereitet hatte, besänftigte die Gemüter, und es dauerte nicht allzu
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