Das zweite Königreich
nie durch dich zu seinem Handlanger machen lassen.«
Nach dem augenscheinlich erfolgreichen Treffen mit dem dänischen Prinzen war der König gutgelaunt zur Jagd geritten. Etienne, Warenne und Robert hatten ihn begleitet und Lucien de Ponthieu natürlich auch – er wich kaum je von des Königs Seite. Folglich gab es an der hohen Tafel an diesem Abend wiederum Wildbret, Cædmons teurer, importierter Wein floß in Strömen, und die Stimmung war nahezu ausgelassen. Leif und Eadwig versahen den Mundschenkdienst an der hohen Tafel.
»Haltet Euch nicht unnötig lange in Ely auf«, sagte William zu Cædmon und legte mit einem Kopfschütteln die flache Hand auf seinen Becher, als Leif ihn auffüllen wollte. »Ich hätte nichts dagegen, Eure Neuigkeiten zu hören, ehe ich den Kanal überquere.«
»Ich werde mich beeilen, Sire.«
»Sollte ich bei Eurer Rückkehr schon aufgebrochen sein, berichtet Lanfranc und meinem Bruder Odo. Dann müssen sie eben entscheiden, wie mit diesem Hereward zu verfahren ist.«
Cædmon nickte. Ihm war alles andere als wohl bei diesem Auftrag. Mochte Hereward auch ein Verräter sein, weil er gegen den von den Witan erwählten König rebellierte, war er doch Engländer und bestimmt überzeugt, das Richtige für sein Volk zu tun. Cædmon hätte es vorgezogen, ihm niemals begegnen zu müssen. Nun, falls er Glück hatte, war Hereward längst von der Klosterinsel abgezogen, wenn er hinkam.
»Wie ich höre, habt Ihr einen Sohn, Cædmon«, bemerkte William nach einem kurzen Schweigen. Aus verständlichen Gründen nahm er das Wort ›Bastard‹ ungern in den Mund.
Cædmon war so verdutzt, daß er fragte: »Wer hat Euch das gesagt?«»Nun, ich wäre beinah über ihn gestolpert, als ich vorhin von der Jagd zurückkam. Seine Mutter – ich nehme zumindest an, sie ist seine Mutter …?« Er wies auf Gytha, die an einem der unteren Tische auftrug, wo Etienne und Alfred zusammen saßen und sich aufgrund der Sprachbarriere stockend, aber einvernehmlich unterhielten. Cædmon nickte. »Sie kam herbeigelaufen, hob ihn auf und entschuldigte sich«, fuhr der König fort. »Und da der Junge Euch wie aus dem Gesicht geschnitten ist, habe ich sie gefragt.«
Cædmon nickte wiederum und machte sich auf eine Moralpredigt gefaßt. Es war allgemein bekannt, daß William über solcherlei Unzucht mißfällig die Stirn runzelte. Was der König indes sagte, traf ihn vollkommen unvorbereitet.
»Ich denke, es wird Zeit, daß Ihr heiratet.«
Cædmon fiel vor Schreck der Fasanenflügel aus der Hand. »Heiraten … ähm, ich glaube wirklich nicht, daß ich …«
»Ralph Baynards Tochter«, fuhr der König fort, als wäre er nicht unterbrochen worden. »Ich habe schon daran gedacht, bevor … vor Eurer Abwesenheit. Baynard ist einverstanden. Die Mitgift macht Euch nicht reich, aber Ihr werdet zufrieden sein, da bin sich zuversichtlich.« »Rolands Schwester?« fragte Cædmon und schüttelte wie benommen den Kopf. »Aber sie muß noch ein Kind sein.« Er wußte, es war ein schwacher Einwand. Aliesa war noch keine drei Jahre alt gewesen, als man sie mit Etienne verlobt hatte. Aber ihm fiel auf die Schnelle nichts Stichhaltigeres ein.
William hob lächelnd die Schultern. »Die Zeit vergeht. Sie ist dreizehn und heiratsfähig. Hübsches Mädchen, übrigens. Hervorragend erzogen. Im Kloster in Caen.«
»Sire, ich will nicht heiraten.«
Der König ignorierte seinen Protest. »Ich werde noch einmal mit Baynard reden, ehe ich in die Normandie gehe. Aber Ihr könnt die Angelegenheit als abgemacht betrachten. Ein Haus in London wird übrigens zur Mitgift gehören. Baynard ist regelrecht besessen von London. Aber er hat nicht unrecht, das Haus wird Euch irgendwann noch von Nutzen sein. London nimmt jeden Tag an Bedeutung zu.«
»Aber …«
Der König wandte ihm brüsk den rabenschwarzen Hinterkopf zu und sprach mit Cædmons Mutter, die an seiner anderen Seite saß. »Wie denkt Ihr über London, Madame?«
Ely, Juni 1070
Cædmon war unwillig gewesen, Helmsby zu verlassen, und hatte seinen Aufbruch so lange wie möglich hinausgezögert. Er wartete Hylds Niederkunft ab. Zwei Tage, nachdem der König aufgebrochen war, brachte sie wiederum einen gesunden Jungen zur Welt. Ihre Mutter hatte sie entbunden, und die Geburt war reibungslos verlaufen. Hyld hatte ihren Sohn wieder Olaf nennen wollen, aber Erik fürchtete, es könne ein schlechtes Omen sein. Sie verständigten sich auf Harold, nach dem letzten englischen wie auch dem
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