Das zweite Königreich
letzten norwegischen König. Cædmon fand, sie hatten schlecht gewählt, denn in einem normannischen England würde jeder Mann an diesem Namen schwer zu tragen haben.
»Aber nicht im Norden«, hatte Erik auf seinen Einwand erwidert.
Es war Cædmon auch schwerer als sonst gefallen, sich von Gytha und dem kleinen Ælfric zu trennen. Schließlich hatte er ihr gestanden, was der König von ihm verlangte. Gytha nahm es weitaus gelassener als er. Nur weil er heirate, müsse sich doch nichts ändern, hatte sie angeführt. Cædmon war sich da keineswegs sicher. Er fand, zwei Frauen machten sein Leben kompliziert genug. Eine dritte, noch dazu eine Ehefrau, war wirklich das letzte, was ihm fehlte. Bevor er aufgebrochen war, hatte er mit einer kurzen, undramatischen Bekanntmachung in seiner Halle offiziell gemacht, was ohnehin alle wußten: Vor seinem versammelten Haushalt hatte er die Vaterschaft von Gythas Sohn anerkannt. Alle außer Marie hatten ihm Beifall gezollt und auf das Wohl des kleinen Ælfric angestoßen.
Erst als sein Gewissen ihm schließlich keine Ruhe mehr ließ, war er aufgebrochen. Ein halber Tagesritt brachte ihn zu einem kleinen Fischerdorf am Rande des großen Sees, der, durchzogen von Untiefen, Sümpfen und Wasserläufen, die Klosterinsel umgab. Die Fischer sagten, nach dem nassen Frühjahr seien die Wege durchs Moor noch tückischer als gewöhnlich, also ließ Cædmon Widsith in ihrer Obhut zurück und zahlte einem der Fischer einen halben Penny, damit er ihn mit seinem Boot hinüberbrachte.
Kein Mönch, sondern ein angelsächsischer Goliath öffnete auf sein hartnäckiges Klopfen die Klosterpforte. Er musterte Cædmon von Kopf bis Fuß und stemmte die Hände in die Seiten. »Und?«
»Mein Name ist Cædmon of Helmsby, ich möchte zu meinem Bruder.«Das finstere Gesicht hellte sich augenblicklich auf. »Helmsby?!« Eine Pranke krallte sich um Cædmons Arm und zog ihn über die Schwelle, während eine zweite auf seine Schulter eindrosch. »Komm rein, komm rein, Mann! Den Namen hören wir hier gern! Hat der verfluchte normannische Bastard dich endlich aus seinen Klauen gelassen, ja?«
»Na ja, ich …«
»Oh, wie wird dein Bruder sich freuen, dich zu sehen! Das muß ja Jahre her sein.«
Die unglaublich kräftige Hand schob Cædmon durch den einstmals so ordentlichen Innenhof der großen Klosteranlage, wo jetzt wenigstens zwei Dutzend Zelte wild durcheinander standen. Cædmon kapitulierte willig und ließ sich um die Kirche herum in einen zweiten, grasbewachsenen Hof und weiter zu einem kleinen, aber aus Stein erbauten Haus führen, das, so entsann er sich, den Kapitelsaal der Mönche beherbergte. Niemand war dort. Die dämmrige Kühle war äußerst angenehm nach der schwülen Hitze im Moor. Cædmon atmete tief ein und fuhr sich mit dem Ärmel über die Stirn.
Der Goliath lachte dröhnend, und die Pranke landete schon wieder auf seiner Schulter. »Verflucht heiß, was? Ich lass’ dir was zu trinken bringen und schick’ nach deinem Bruder. Warte hier. Meine Güte, wenn er hört, wer hier ist …«
Cædmon blieb allein in balsamweicher Stille zurück und fühlte sich, als sei er mit knapper Not einem Orkan entronnen. Es verwunderte ihn, daß dieser grölende Hüne so große Stücke auf Guthric hielt, der doch so gar nichts von einem Krieger an sich hatte und sich für nichts als fromme Bücher und deren Herstellung interessierte. Und es befremdete ihn ein wenig, daß Guthric sich offenbar auf Herewards Seite geschlagen hatte, denn noch im Winter, als Cædmon auf seiner Flucht hier haltgemacht hatte, hatte Guthric gesagt, gegen den gesalbten König zu rebellieren hieße, sich gegen Gott aufzulehnen. Er hatte Cædmon keine Vorhaltungen gemacht, daß er unerlaubt aus den Diensten des Königs geschieden war, denn wie jeder Engländer war auch Guthric entsetzt gewesen über das, was William in Northumbria getan hatte. Doch er hatte auch keinen Hehl daraus gemacht, daß seiner Meinung nach Männer wie Hereward und der Wilde Edric, der die Aufstände im Westen angeführt hatte, ebensoviel Schuld an den Ereignissen trugen wie der König selbst. Also was in aller Welt war passiert, daß Guthric seine Ansichten so grundlegend geändert hatte?
Ratlos trat Cædmon an das Lesepult in der Saalmitte, wo ein aufgeschlagenes Buch lag. Vier Spalten in einer säuberlichen, gleichmäßigen Handschrift. Er fragte sich, was wohl dort stehen mochte. Er hatte nur eine vage Ahnung, was Mönche sich bei ihren täglichen
Weitere Kostenlose Bücher