Das zweite Königreich
Versammlungen vorlasen. Heiligengeschichten vermutlich. Am oberen linken Rand der rechten Seite war ein sehr kunstvoll gemaltes, aber schauriges Bild: eine junge, barbusige Frau, die sich im Tanz wiegte, und in den über dem Kopf ausgestreckten Händen hielt sie eine Schale mit einem blutenden, bärtigen Kopf. Er mußte Guthric fragen, was es zu bedeuten hatte …
Schritte erklangen, und Cædmon wandte sich um. Gleißendes Licht fiel durch die geöffnete Tür, und er konnte nur drei Silhouetten ausmachen. Blinzelnd trat er ihnen entgegen.
»Welch unerwartete Ehre«, sagte der mittlere der drei Schattenrisse. »Der Thane of Helmsby.« Die Stimme klang rauh und leise, als litte der Mann an einer bösen Halsentzündung.
Cædmon spürte, wie die Haare in seinem Nacken sich aufrichteten. Plötzlich hatte er eine Gänsehaut auf den Armen. Die Stimme mochte heiser sein, aber er erkannte sie trotzdem. Er trat einen Schritt auf die hohe, lichtumflutete Gestalt zu.
»Dunstan …«
Ein rauchiges, leises Lachen. »Cædmon.«
Er trat noch einen Schritt näher, war endlich nicht mehr geblendet und konnte ihn deutlich erkennen. Energisch schüttelte er das leise Grauen ab und packte seinen totgeglaubten Bruder bei den Armen.
»Dunstan! Oh, Gott sei gepriesen.«
Dunstans Hände streiften seine Unterarme nur für einen Augenblick, dann ließ er ihn los und trat einen Schritt zurück. Der schlaksige Knabe, den Cædmon zuletzt vor über sechs Jahren gesehen hatte, war ein Mann geworden, aber davon abgesehen, war Dunstan unverändert. Nur der einstmals so kümmerliche Schnurrbart war dichter und dunkler, ein Kinnbart war hinzugekommen, der zum Teil seinen Hals und auch die Narbe des Pfeiles verdeckte, der ihn bei Hastings getroffen und seine Stimme entstellt hatte. Die eisblauen Augen waren so flink, funkelten so mutwillig wie eh und je. Cædmon erkannte, daß dieses Wiedersehen keine ungetrübte Freude sein würde.
»Du hinkst nicht mehr«, bemerkte Dunstan. »Welches Wunder hat das bewirkt?« Er schien wirklich neugierig.
»Ein normannisches Wunder«, antwortete er trocken. »Eine Roßkur. Aber wirksam.«
»Und dafür bist du so dankbar, daß du dich auf ihre Seite geschlagen hast«, stellte Dunstan fest.
Cædmon ging nicht darauf ein. »Vater sagte, ein Pfeil habe dich in den Hals getroffen. Er war sicher, du seiest tot.« Und im selben Moment dachte er: Rechtfertige dich nicht! Dazu besteht kein Grund, und er wird nur Kapital daraus schlagen.
Dunstan grinste breit. »Das dachte ich auch. Nachdem König Harold gefallen war, trug mich ein anderer seiner Housecarls vom Feld. Ein guter Freund. Er war in Hastings zu Hause und brachte mich zu seinen Leuten. So entkamen wir dem Gemetzel nach der Schlacht. Seine Großmutter hat den normannischen Spielzeugpfeil aus meinem Hals gezogen und mir mein eigenes Blut zu saufen gegeben. Deswegen bin ich durchgekommen.«
»Warum bist du nicht nach Hause gegangen? Wenn Mutter gewußt hätte …«
»Oh, ich war zu Hause, Cædmon. Doch ich fand die Halle meines Vaters verlassen. Eine halbe Meile weiter erhob sich eine normannische Burg. ›Da wohnt der Thane of Helmsby‹, hörte ich die Leute sagen. ›Der normannische Bastardkönig baut ihm eine Burg für seine treuen Dienste. Damit er das seine dazu beitragen kann, sein Volk zu unterdrücken.‹ Und als ich das nächste Mal nach Hause kam, um Eadwig zu holen und wenigstens ihn vor dieser normannischen Seuche zu bewahren, fand ich das Tor von normannischen Wachen versperrt.« Cædmon hob in vorgetäuschter Gleichmut die Schultern. »Sie standen dort, um nach mir Ausschau zu halten. Der König und ich hatten … Differenzen.«
Dunstan verzog den Mund zu einem verächtlichen Lächeln. »Ich bin überzeugt, ihr habt sie beigelegt.«
Cædmon nickte. »Vorläufig, ja.«
»Das wundert mich nicht. Man munkelt, der Bastard bevorzugt Knaben in seinem Bett. Auf deinen Arsch konnte er sicher schlecht verzichten.«
Cædmon seufzte. »Ich wünschte, Engländer und Normannen hätten in allen Dingen so viel gemeinsam wie in der Wahl ihrer bevorzugten, wenig einfallsreichen Beleidigungen.« Er unterbrach sich und betrachtete die beiden Männer, die links und rechts von Dunstan standen,unbewegt wie Götzen. Der eine war ein englischer Soldat in einem eisenbeschlagenen Lederpanzer – vielleicht der einstmalige Housecarl eines englischen Thane oder Earl, jetzt ganz gewiß einer von Herewards Getreuen. Der zweite war ein rundlicher, junger Mönch, der
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