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Das zweite Königreich

Das zweite Königreich

Titel: Das zweite Königreich Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Rebecca Gablé
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ehrfurchtsvoll an Dunstans Lippen hing.
    Cædmon sah seinem Bruder wieder ins Gesicht. »Was grämt dich, Dunstan? Daß ich deinen Platz eingenommen habe? Nun, ich dachte, du seiest gefallen. Aber ich will dir nicht vorenthalten, was dir zusteht. Komm zurück, mach deinen Frieden mit dem König, und ich werde dir Helmsby überlassen.«
    Dunstan schnaubte. »Ja, ich wette, daß dieses Angebot von Herzen kommt. Aber sei unbesorgt. Ehe ich meinen Frieden mit einem normannischen König auf dem englischen Thron mache, friert die Hölle ein.«
    Cædmon unterdrückte eine bissige Erwiderung. Er betrachtete seinen Bruder und schüttelte langsam den Kopf. »Dunstan. Ich bin so froh, daß du lebst. Mein Weg war ein anderer als deiner. Du weißt genau, daß es nicht meine Wahl war, in die Normandie zu gehen. Aber ganz gleich, wo ich heute stehe und wo du heute stehst, wir sind immer noch Brüder.«
    Dunstan blinzelte beinah unmerklich. Für einen Moment schien er zu schwanken. Aber er hatte sich sofort wieder unter Kontrolle. »Wo ist Eadwig?« Seine heisere, beinah tonlose Stimme war eine unmißverständliche Drohung.
    »In Winchester. Als Knappe am Hof des Königs.«
    Dunstan wandte angewidert den Kopf ab. »Und wo ist der König?« »Soweit ich weiß, auf dem Weg in die Normandie.«
    »Und was suchst du hier?«
    »Guthric.«
    Dunstan trat einen Schritt auf ihn zu. »Ah ja? Ist das wirklich der einzige Grund für dein plötzliches Auftauchen in Ely? Oder hat dein geliebter König dich hergeschickt, uns auszuspionieren, nachdem er die Dänen bestochen hat, uns zu verraten und zu verschwinden?«
    Cædmon sah ihm in die Augen und log ohne besondere Mühe. Wenn er eines als des Königs Übersetzer gelernt hatte, dann das. »Ich bin hier, um Guthric zu sehen.«
    Dunstan zeigte ein überhebliches Grinsen, das Cædmon von früher nur zu vertraut war, und nickte. »Nun, mir würde nicht einfallen, deineWünsche zu mißachten, Thane.« Er pfiff leise durch die Zähne, und mit eingezogenem Kopf trat der Goliath durch die Tür.
    Dunstan wies auf Cædmon. »Bring ihn zu meinem frommen Bruder. Aber laß ihn nicht entwischen.«
    Cædmon wandte sich argwöhnisch zu dem Hünen um, gerade rechtzeitig, um dessen massige Faust auf sich zufliegen zu sehen. Sie traf seine Schläfe, und die Welt wurde finster.
     
    Er wachte mit einer fahlen Übelkeit auf, die er mit Jehan de Bellême in Verbindung brachte. So hatte er sich jedesmal gefühlt, wenn er einen harten Schlag auf den Kopf eingesteckt hatte. Aber er wußte, daß er Jehan schon lange entronnen war, er wußte auch, daß er sich in England befand und heute morgen Gytha in seinem Bett zurückgelassen hatte, um für den König irgend etwas zu erledigen.
    Er richtete sich auf, befühlte seinen Kopf und kniff die Augen zusammen.
    »Cædmon? Gott sei Dank. Ich konnte dich nicht wecken.«
    »Guthric …«
    »Wie fühlst du dich?«
    Die Erinnerung kam zurück. Cædmon hielt seinen dröhnenden Schädel zwischen den Händen. »Dunstan …«
    Eine Hand legte sich auf seinen Arm. »Alles in Ordnung?«
    Cædmon sah blinzelnd auf. Guthric kniete direkt vor ihm, die dunklen Augen waren angstvoll geweitet. Sie befanden sich in einem dämmrigen, großen Gewölbe. Ein Talglicht brannte in einer Schale am strohbedeckten Boden. Gleich daneben lag eine reglose Gestalt. »Wo sind wir?«
    »In Ely«, antwortete Guthric.
    »Ja, das weiß ich selbst.«
    »Das hier war einmal der Weinkeller. Aber den Wein haben die Dänen und Herewards Männer getrunken. Jetzt ist es das Verlies.«
    Cædmon stöhnte. »Großartig. Sie ziehen mich magisch an …« Er richtete sich weiter auf und stellte fest, daß er dicht an einer Wand aus kühlen Steinquadern saß. Er lehnte sich mit dem Rücken dagegen. »Aber was tust du hier?«
    Guthric wies wortlos auf den schlafenden oder bewußtlosen Mann am Boden. Cædmon rutschte näher. »Bruder Oswald!« rief er erschrocken. Der Bruder wirkte im schwachen Licht aschfahl, und er hatte ausMund, Nase und Ohren geblutet. Cædmon nahm seine Hand. Sie war kalt und klamm.
    »Ich glaube, er stirbt«, sagte Guthric leise.
    Cædmon sah auf. »Was ist passiert?«
    Guthric zog die Knie an, seine Kutte raschelte leise. Cædmon hatte sich immer noch nicht so recht an die Tonsur und die kurzgeschnittenen Haare seines Bruders gewöhnt.
    »Ely war schon seit langem der Zufluchtsort für all jene, die sich normannischer Herrschaft nicht unterwerfen wollten oder konnten«, begann Guthric.
    Cædmon nickte.

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