Das zweite Königreich
Das wußte er so gut wie jeder andere Engländer. Es gehörte zu den vielen Dingen, die er vor dem König geheimhielt.
»Abt Thurstan war ein enger Freund von König Harold«, erklärte Guthric. »Und Ely ist ein Haus Gottes. Es war nur recht, daß wir denen Asyl boten, die in der Welt draußen Verfolgung litten.«
»Ja.«
»Aber dann kamen die Dänen und fast gleichzeitig kam Hereward mit Dunstan und seinen übrigen Männern. Plötzlich war Ely keine Zufluchtsstätte mehr, sondern ein Rebellennest. Doch die meisten der Brüder haben sich ihnen angeschlossen. Sie haben mit Herewards Männern zusammengehockt und gezecht und sich Waffen besorgt … Es war schändlich. Und der Abt hat nur zugeschaut. Als sie Peterborough überfielen, wollte Oswald einschreiten. Er ist unser Prior – ein wichtiger Mann. Und du weißt, wie er zu reden versteht.«
»Allerdings.«
»Er hat die Brüder beschämt. Wirklich beschämt. Er hat ihnen vor Augen geführt, daß Peterborough ein gottgeweihtes Kloster ist und kein Mensch das Recht hat, es zu überfallen, schon gar nicht mit der Begründung, den rechtmäßig eingesetzten Abt vertreiben zu wollen, nur weil er Normanne ist. Ein Abt sei ein Abt, ganz gleich ob Normanne oder Angelsachse.« Guthric hob eine seiner großen, knochigen Hände. »Und so weiter. Er hat ihnen mächtig eingeheizt, bis nicht nur die Brüder, sondern auch Hereward und ein paar seiner Männer ganz betretene Gesichter machten und nicht mehr wagten, ihm in die Augen zu sehen.« Guthric unterbrach sich kurz und schüttelte mit einem traurigen Lächeln den Kopf. »Du hättest es sehen sollen, Cædmon. Ein kleiner, schmächtiger Mönch in Sandalen und Kutte vor einem Haufen bewaffneter Haudegen. Aber seine Zunge war das Schwert Gottes, unddie mächtigen Krieger standen vor ihm wie ein Häuflein gescholtener Novizen. Als Oswald und ich wenig später zum Refektorium gingen, kam Gorm und sagte, Dunstan wolle Bruder Oswald sprechen. Ich nehme an, du bist Gorm schon begegnet?«
»Ungefähr zwanzig Fuß groß, breit wie ein Scheunentor, stark wie ein Ochsengespann und etwa ebenso gescheit? O ja.«
Guthric nickte. »Er hat Oswald so zugerichtet.«
»Auf Dunstans Geheiß?«
»Ich bin sicher, ja. Als ich Dunstan zur Rede gestellt und verlangt habe, daß er mich sofort zu Bruder Oswald bringt, hat er so gelacht wie früher, bevor er einen in die Brennesseln stieß oder sonst einen seiner Streiche spielte, und Gorm schaffte mich hierher und sperrte mich zu ihm.« Cædmon rechnete. »Vor der Plünderung von Peterborough? Das muß zwei Wochen her sein.«
Guthric hob die Schultern. »Möglich. Ich hab’ die Tage nicht gezählt.« Cædmon stand auf, ging zu Bruder Oswald hinüber und betrachtete ihn genauer. »Und seitdem ist er in diesem Zustand?«
»Anfangs hat er sich noch bewegt und gesprochen, aber jetzt ist er seit vielen Tagen bewußtlos.«
»Wir müssen versuchen, ihm Wasser einzuflößen. Sonst verdurstet er.« Guthric hob mutlos die Schultern. »Er wird so oder so sterben.«
»Sei nicht so sicher.«
Cædmon suchte sich einen sauberen Strohhalm vom Boden und blies hinein, bis die Luft widerstandslos hindurchströmte. Dann schob er ihn dem Bruder zwischen die Lippen, tauchte einen Finger in den Wasserkrug und ließ einen Tropfen auf den Strohhalm fallen.
Guthric kam näher. »Da hast du dir viel vorgenommen.«
Cædmon zuckte lächelnd mit den Schultern. »Wir haben Zeit, oder?« Er wiederholte die Prozedur des Einträufelns in kurzen Abständen und behielt Oswalds Adamsapfel im Auge, um festzustellen, ob er schluckte. Noch tat sich nichts. »Erzähl mir von Hereward. Nach dem, was du sagst, scheint Dunstan gefährlicher zu sein als der große Held selbst.« Guthric schüttelte nachdrücklich den Kopf, nahm den Wasserkrug in die Hand und hielt ihn Cædmon hin. »O nein. Hereward ist ein Krieger vom alten Schlag. Er erinnert mich immer an die Geschichten, die Vater uns früher von Urgroßvater Ælfric Eisenfaust erzählt hat. Hereward ist nur glücklich, wenn es Schädel zu spalten und Leiber aufzuschlitzen gibt. Er hat so etwas wie ein Gewissen, falls du das meintest.Er hatte einmal Ländereien in der Gegend von Peterborough und war im Kloster kein Fremder. Darum war ihm nicht recht wohl dabei, es zu überfallen. Aber er ist grausam und gerissen. Und er ist ein erfahrener Kämpfer. Ich kann schon verstehen, warum seine Männer ihn so verehren, er ist verwegen und sehr mutig.«
»Und welche Rolle spielt Dunstan?
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