Dave Duncan
brachte der kleine Dieb eine Bitte heraus: »M-M-Majestät? Wir sehnen uns nach Be-Befreiung…«
»Ich würde nicht im Traum daran denken, ein solches Meisterstück zu zerstören.«
Der Imp winselte und kauerte sich noch tiefer in seine zerknautschte braune Robe, so daß nur noch sein Haar zu sehen war.
»Außerdem«, fuhr die Zauberin fort, »eine ganze Handvoll Männer zur Verfügung zu haben, wenn es nötig ist, sich aber immer nur mit einem auseinandersetzen zu müssen – das erscheint mir wie ein exzellentes Arrangement.«
Sie ließ den Burschen, der schluchzend auf den Knien lag, stehen und ging zurück die Reihe entlang. Sie blieb vor Little Chicken stehen und betrachtete ihn voller Abscheu. »Ihr müßt ein Kobold sein. Euer Name?«
Little Chicken, dessen eigenartig geformte Augen weiter aufgerissen waren, als es Rap jemals gesehen hatte, stöhnte lediglich auf und streckte seine Hand nach der Zauberin aus. Sie trat zurück, bis er in einem absurden Winkel nach vorne gebeugt dastand und nur der Bann, der seine Füße auf dem Boden haften ließ, ihn am Umfallen hinderte. Er stöhnte weiter.
Sie betrachtete ihn einen Augenblick lang und zuckte dann die Achseln. »Unterhalb des Halses nicht schlecht, aber das Gesicht müßte verschwinden.«
Sie ließ ihn dort so stehen, und ging ohne ein Wort zu sagen hinter Prinzessin Kadolan her, um einmal mehr vor Rap und Inos stehenzubleiben. »Außerordentliche Gefolgsleute wählt Ihr, Kind«, murmelte sie.
Warum nannte sie Inos Kind, wo sie doch selbst nicht viel älter war? Ihre Augen hatten die gleiche rotbraune Farbe wie ihr Haar und brannten Raps Seele zu Asche. Die Form ihrer Brust unter der durchsichtigen Gaze ihrer Robe machte ihn wahnsinnig, und ihre Nähe ließ sein Blut in seiner Brust kochen, bis er glaubte, er werde zerbersten.
»Und ein Faun? Wie ist Euer Name, Bursche?«
Er öffnete seinen Mund. »Raaa…« Sein Name verschwand in einem Schlucken, als er sich plötzlich der Wahrheit bewußt wurde. Sein Name war nicht Rap. Das war nur ein Spitzname, eine Kurzform seines – seines Wortes der Macht. Er hatte niemals seinen echten Namen verraten, nicht einmal dem König. Raparakagozi – und weitere zwanzig Silben – und er hatte ihn nicht gehört, seit seine Mutter ihn ihm verraten hatte, kurz bevor sie starb, und ihn warnte, ihn niemals zu wiederholen, denn ein böser Zauberer könnte ihm Schaden zufügen. Natürlich mußte sie vorausgesehen haben, daß sie sterben würde, und die Tatsache, daß er sich an diesen Unsinn nach all diesen Jahren noch erinnern konnte, bedeutete, daß dies sein Wort der Macht war. Jetzt wollte er es dieser hinreißend verführerischen Schönheit, die vor ihm stand, unbedingt verraten, und dennoch schrie ein Teil in ihm, er solle es nicht tun – die Worte seien schwer auszusprechen, hatte Sagorn gesagt – und seine Zunge wußte nicht, welchen der beiden Befehle sie befolgen sollte und…
»Was tut ein Faun so weit im Norden?« wollte Königin Rasha wissen, bevor er dieses Problem gelöst und seinen Mund unter Kontrolle gebracht hatte. Sie zog einen Schmollmund – Männer wären dafür gestorben, diesen Mund nur ein einziges Mal küssen zu dürfen. »Aber er ist nur ein Halbblut, nicht wahr? Das ist der Kiefer eines Jotunn, und er ist zu groß. Und diese Tätowierungen! Warum glauben die Wilden, daß Verstümmelungen ihr Aussehen verbessern könnten?«
»Hä?«
Tätowierungen?
»Dies ist Master Rap, ein Stalljunge!« sagte Inos merkwürdig scharf. Rap sah sie nicht an.
Königin Rasha seufzte. »Ich hoffe, seine Aufgaben sind nicht zu schwer für ihn.« Sie schien ihr Interesse an Rap zu verlieren. Seine Welt brach zusammen in schreckliche, dunkle Verzweiflung. Es war nicht sein Fehler, daß er ein Mischling war, und wenn sie ihm nur noch eine oder zwei Minuten gegeben hätte, hätte er ihr seinen Namen nennen können. Er wollte ihr so verzweifelt gefallen, nur ein winziges Lächeln von ihr ernten…
»Krasnegar«, murmelte die Zauberin und betrachtete wieder Inos. »Inisso? Ein oder zwei Worte der Macht, vielleicht?«
»Ich weiß nicht, was Ihr meint!« rief Inos.
»Seid nicht so langweilig!« seufzte Rasha. »Zugegeben, die Worte selbst sind unsichtbar, aber ich brauche keine okkulten Kräfte, um zu sehen, wenn ein Mädchen mich anlügt. Und Ihr habt ein interessantes Problem.« Sie sah nachdenklich zur Tür, die immer noch mit einem stämmigen Arm verziert war. »Ich glaube nicht, daß jetzt die Zeit ist,
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