Deathkiss - Suess schmeckt die Rache
Fluch ist, was dann?«
»Mutter«, mahnte Oliver leise.
Shannons Kopfschmerzen meldeten sich zurück. Vielleicht hätte sie doch eine Schmerztablette nehmen sollen.
»Und was ist mit dem Feuer bei dir, Shannon? Sieh dich doch an, wie der Kerl dich zugerichtet hat!«
»Diese Vorfälle haben nichts mit Flüchen oder Dämonen oder Teufeln zu tun«, entgegnete Shannon. »Mit Pech, vielleicht … nun ja, bestimmt … und mit einem Verrückten, der uns fertigmachen will, aber nicht mit einem Fluch.«
Oliver musste natürlich seinen frommen Kommentar dazu abgeben. »Wir sollten immerhin dankbar sein, dass Shannon nichts Schlimmeres zugestoßen ist.«
»Aber Mary Beth …«
Ein paar Minuten später entschuldigte sich Oliver, er müsse jetzt wieder los. Shannon gab sich Mühe, sich ihre Erleichterung nicht anmerken zu lassen. Sie geleitete die beiden nach draußen und sah zu, wie Oliver Maureen beim Einsteigen in ihren Buick behilflich war.
Bevor er sich ans Steuer setzte, nahm er Shannon beiseite und zog sie in den Schatten einer Schwarzeiche. »Da ist noch etwas, was du wissen solltest.« Er sah sich unruhig nach allen Seiten um und schien nicht recht zu wissen, wie er anfangen sollte.
»Was denn?«
Er zögerte noch immer.
»Lass das Theater. Moms Auftritte reichen vollkommen. Also, was gibt’s?«
Er kratzte sich am Kinn, wich ihrem Blick aus. »Na ja, ich bin nicht ganz sicher, nicht hundertprozentig, aber ich glaube, nein, ich bin doch ziemlich überzeugt, dass ich letzten Sonntag beim Gottesdienst Brendan gesehen habe.«
»Brendan?«, vergewisserte sich Shannon verblüfft. Bilder vom Vater ihres Kindes schossen ihr durch den Kopf. Brendan im Smoking, als er sie zum Oberstufenball abholte; Brendan, der ihr bei ihrer Abschlussfeier aus dem Publikum zuwinkte; Brendan mit ihr im Schlafzimmer seiner Wohnung; Brendans kreideweißes Gesicht, als sie ihm eröffnete, sie sei schwanger …
»Ja, Brendan Giles«, bestätigte er, mühsam beherrscht. »Oder zumindest jemanden, der ihm sehr ähnlich sah. Er stand hinter der letzten Bankreihe, ganz hinten in der Kirche.« Oliver schüttelte den Kopf. »Ich sage das nur sehr ungern, und es kann natürlich sein, dass ich mich irre. Ich habe ihn so lange nicht gesehen, seit dreizehn, nein, vierzehn Jahren nicht mehr. Aber … ich glaube …« Oliver schluckte krampfhaft und schlug die Augen besorgt zum Himmel auf. »Ach, ich weiß nicht, vielleicht hätte ich besser gar nichts gesagt. Aber ich fand, du solltest es wissen.«
»Das war schon richtig«, versicherte Shannon, noch immer fassungslos. »Hast du versucht, ihn anzusprechen?«
»Nach dem Gottesdienst wollte ich zu ihm gehen, aber ich wurde unterwegs aufgehalten, musste erst alle möglichen Gemeindemitglieder begrüßen, und dann…« Oliver zuckte so schwer mit den Schultern, als ruhte die gesamte Last der Welt auf ihnen. »Dann war er fort. Verschwunden.« Er schnippte mit den Fingern. »Beinahe als wäre er nie da gewesen … Als hätte ich mir nur eingebildet, ihn zu sehen.«
»Eine Halluzination«, sagte sie gedehnt.
»Verrückt, nicht?«
Shannon erwiderte nichts.
Auf der Beifahrerseite des Buick wurde die Tür geöffnet. »Oliver?«, rief ihre Mutter. »Kommst du? Es ist entsetzlich heiß hier drin.«
»Gleich, Mom.« Er sah seine Schwester noch einmal mit gequälter Miene an. »Ich muss los.«
»Ja.«
Er gab Shannon einen flüchtigen Kuss auf die Schläfe und wandte sich ab. Sie blieb unter der Eiche stehen. Brendan war zurück? Ausgerechnet jetzt, kurz nachdem sie erfahren hatte, dass ihr Kind entführt worden war? Ihr gemeinsames Kind?
Oder hatte Oliver sich doch geirrt? Hatte er sich nur eingebildet, Brendan zu sehen?
Sie blickte der bronzefarbenen Limousine nach, die ihre Zufahrt entlangfuhr und in der Nachmittagshitze Staub aufwirbelte.
Wenn Brendan wieder in Santa Lucia war, hatte er sich bestimmt bei seinen Eltern gemeldet. Nicht wahr? Sie mussten wissen, ob er sich momentan hier an der Westküste aufhielt, gerade zu dem Zeitpunkt, als das Kind, das sie beide gezeugt hatten, in Lebensgefahr schwebte.
Der Albtraum, den sie durchlebte, wurde immer rätselhafter.
Mit einem flauen Gefühl im Magen lief Shannon zurück ins Haus, blätterte im örtlichen Telefonbuch und wählte mit zitternden Fingern die Nummer, so sehr es ihr auch widerstrebte.
Natürlich meldete sich der Anrufbeantworter. In dem Gefühl, kostbare Zeit zu verschwenden, hinterließ sie ihren Namen, ihre Telefonnummer und
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