Deathkiss - Suess schmeckt die Rache
tobte in Rippen, Schulter und Hinterkopf, sie war erschöpft, von Angst und Trauer erfüllt.
Reiß dich zusammen!
Travis stieg ein und schloss die Tür. Die Innenbeleuchtung schaltete sich aus, und wieder waren sie einander so nahe, dass sie sein Aftershave roch. Sie betrachtete sein Profil. Travis Settler war stark, gutaussehend, mit hartem Kinn, gerader Nase und tiefliegenden Augen, denen nichts zu entgehen schien. Seine Lippen waren schmal, sein Haar zerzaust und ungekämmt, und ihn umgab eine Aura purer, nüchterner Männlichkeit – hart, energisch, zu Taten bereit.
Er legte den Gang ein und fuhr an. Shannon bemerkte seine Armbanduhr, eine schlichte, funktionelle Uhr an einem kräftigen Handgelenk, das momentan auf einem straffen, jeansbekleideten Schenkel ruhte. Sie konnte sich die Muskelstränge unter der Jeans gut vorstellen. Und seinen festen, muskulösen Leib. Und die Kraft in seinen Händen und Fingern.
Sie stutzte.
Wohin zum Teufel verirrten sich ihre Gedanken?
Offenbar war sie erschöpfter, als sie geglaubt hatte.
Travis warf ihr einen raschen Blick zu, und in diesem Moment wusste sie: Er hatte bemerkt, dass sie ihn musterte. Shannon wäre am liebsten im Boden versunken, doch sie straffte sich, blickte ihn mit gleichmütig hochgezogener Augenbraue an und hoffte, dass er nicht sah, wie rot sie wurde. Sie musste das Fenster öffnen, um frische Luft hereinzulassen.
Ja, er war unübersehbar männlich.
Ja, er war sexy.
Ja, es war lange her, dass sie sich für ein Mann interessiert hatte.
Na und?
Hatte sie, was Männer anging, nicht ihre Lektion gelernt? Vielleicht war sie noch benommen von den Medikamenten. Dies war nun wirklich nicht der geeignete Zeitpunkt für solche Gedanken. Erst heute Nacht war Mary Beth ums Leben gekommen, sie selbst litt noch unter den Folgen des Überfalls neulich, und ihre Tochter – seine Tochter – war nach wie vor verschwunden. Demnach sollte Sex das Letzte sein, woran Shannon dachte, das Allerletzte. Oder ein attraktiver Mann. Oder wie es sich anfühlen würde, wenn eine dieser großen, schwieligen Hände an ihren Rippen emporstrich und ihre Brust berührte.
Sie schauderte. Kam es daher, dass sie mit der eigenen Sterblichkeit konfrontiert worden war? Entstand daraus eine geschärfte Wahrnehmung? Ein erhöhtes Verlangen nach Intimität? Sie durfte nicht so für Travis Settler empfinden … am allerwenigsten für Travis Settler.
Wütend auf sich selbst, rückte Shannon ihren Pferdeschwanz zurecht. Sie brauchte Abstand von diesem Mann, musste die Intimität beenden, die in der engen Fahrerkabine entstanden war.
Travis beschleunigte, der Fahrtwind pfiff ins Wageninnere und zerrte ein paar widerspenstige Strähnen aus dem Gummiband, das Shannons Pferdeschwanz zusammenhielt. Sie verzog das Gesicht, als sie die Schulter bewegte, und verbiss sich einen Fluch. Als der Schmerz nachließ, stieß sie langsam den Atem aus. Verstohlen sah sie noch einmal zu diesem Fremden hinüber, der sich in ihr Leben gedrängt hatte, diesem Mann, der der Vater ihrer Tochter war.
Seine Männlichkeit erfüllte ihre Sinne. Sie fühlte sich schwach und verletzlich. Doch das durfte sie jetzt nicht zulassen.
Travis hielt den Blick fest auf die Straße gerichtet, sah nur zweimal kurz in die Rückspiegel, bevor er auf der fast leeren Straße die Spur wechselte, doch Shannon vermutete, dass er sie aus den Augenwinkeln beobachtete und dass ihm keine ihrer Regungen, keine noch so kleine Geste entging.
In die Stille hinein sagte er unvermittelt: »Also, ich weiß zwar einiges über Sie und Ihre Familie, aber noch längst nicht alles.« Shannon wandte den Kopf, froh, dass er sie aus ihren Gedanken riss. »Zum Beispiel weiß ich nicht, warum der Kerl, der meine Tochter in seiner Gewalt hat, Sie in die Angelegenheit mit hineinzieht. Ebenso wenig weiß ich, warum einer Ihrer Brüder Priester werden will und warum sein Zwillingsbruder verschwunden ist. Ich habe auch keine Ahnung, warum Danis Entführer Brände legt, und vor allem weiß ich nicht, wer der verdammte Kerl ist und was er meinem Kind angetan hat!« Urplötzlich war seine äußerlichen Ruhe dahin. »Hier ist irgendwas im Gange, was ich nicht durchschaue und was mir eine Mordsangst einjagt. Ich komme um vor Sorge, fühle mich so verdammt machtlos, und, ja, ich will genauestens über jeden Bescheid wissen, der auch nur im Entferntesten mit Ihnen und Ihrer Familie in Verbindung steht, denn offenbar interessiert sich der Scheißkerl, der Dani
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