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Deathkiss - Suess schmeckt die Rache

Deathkiss - Suess schmeckt die Rache

Titel: Deathkiss - Suess schmeckt die Rache Kostenlos Bücher Online Lesen
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gesündigt«, betete er verzweifelt.
    Hoch über dem Altar blickte der Sohn Gottes auf ihn nieder. Gepeinigt, blutend, die Dornenkrone auf dem Haupt, litt er am Kreuz. Reglos. Ein starres Bild aus Gips und Farbe, das ihn stumm ansah.
    Erneut bekreuzigte Oliver sich und flehte, der Heilige Geist möge über ihn kommen, das Gute möge ihn erfüllen. Betete um Vergebung für seine Sünden.
    Doch sein Blick schweifte ab zum Boden unter den Fenstern, wo Schatten spielten und tanzten.
    Die Strahlen der aufgehenden Sonne fielen durch das farbige Glas und malten bunte Flecken auf den kalten Steinboden der Kathedrale.
    Das Farbenmuster erinnerte ihn an das Kaleidoskop seines Bruders Neville.
    Stundenlang hatte er es vor dem Auge gedreht und die tanzenden, wirbelnden, sich stetig verändernden Muster bewundert. Aber Neville hatte das Spielzeug, das er von seinem Geburtstagsgeld gekauft hatte, eifersüchtig gehütet. Er versteckte es in der Matratzenritze im oberen Etagenbett.
    Oliver hatte es gefunden.
    Und es behalten.
    Als Neville entdeckte, dass sein Schatz verschwunden war, bezichtigte er Oliver, doch dieser stritt alles ab und schwor, er habe gesehen, wie Aaron sich an dem Etagenbett zu schaffen machte. Er hatte Neville eingeredet, Aaron sei der Schuldige war, und Neville hatte die Wahrheit nie erfahren.
    Aaron war immer ein leichtes Opfer gewesen.
    Oliver hatte seine Beute in einer hohlen Eiche am Rande des Parks versteckt, drei Straßen von seinem Elternhaus entfernt. Ein Pfad führte durch ein Waldstück und den Garten des alten Henderson zu dem kleinen Grundstück neben einem Baseballfeld, einem sogenannten Spielplatz, der in Wirklichkeit nur aus einer verrosteten Schaukel und einem Klettergerüst bestand. Doch da war dieser eine besondere Baum. Oliver hatte Stunden hoch oben in den Ästen der knorrigen Eiche verbracht, durch das magische Glas geschaut und sich von den bunten Bildern inspirieren lassen.
    Er hatte seinem Zwillingsbruder die Lüge nie gebeichtet.
    Überhaupt hatte er sehr viele Sünden niemals gestanden. Denn er war innerlich vergiftet. Das hatte er jetzt erkannt, und der Gedanke daran quälte ihn unablässig. Er flüsterte ein Gebet, doch sein Blick wanderte wieder zu den bunten Mustern auf dem Boden, die ihn an andere Orte erinnerten. Dunkle Verstecke. Knarrende Flure mit Buntglasbildern von Jesus und Maria und den Jüngern … Ein seltsames, beinahe verführerisches Prickeln überlief ihn, als er an den düsteren Ort dachte … den einsamen Ort … den Ort, an den man ihn gebracht hatte, damit er von seiner Krankheit genas.
    Our Lady of Virtues.
    Sie hatten diesen Ort als Krankenhaus bezeichnet.
    Aber er wusste es besser.
    Krankenhäuser waren Orte der Heilung.
    Dieser Ort jedoch – mit seinen tropfenden Wasserhähnen, knarrenden Treppen und verborgenen Fluren – war unheilvoll. Ein kühler Lufthauch strich durch die Apsis, als sei etwas Kaltes, Unseliges vorbeigezogen. Er hatte es mehr als einmal gespürt.
    Er senkte den Blick auf seine Handgelenke, sah die Narben, inzwischen fünfundzwanzig Jahre alt, und spürte ein heftiges Aufbegehren. Rasch neigte er den Kopf und begann wieder zu beten.
    Inbrünstig. Verzweifelt.
    Gott musste ihn erhören und die Dämonen fernhalten.
    Aber es war vergebens.
    Die Dämonen würden wiederkommen.
    Sie kamen immer wieder.

    Das Telefon neben ihrem Bett klingelte, und Shannon griff unwillig nach dem Hörer. Sie gab die Hoffnung auf Schlaf endgültig auf. Es war erst halb zehn Uhr morgens, und sie hatte bereits einen Anruf von ihrer Mutter über sich ergehen lassen, die ankündigte, dass sie und Oliver später am Tag Shannons Pick-up bringen würden. Dann kam ein weiterer Anruf von Lily, die sich schockiert über Mary Beths Tod zeigte, und wenig später ein dritter von Carl Washington, der ein Interview wollte. Kaum hatte sie das Gespräch mit dem Reporter beendet, klingelte das Telefon erneut.
    »Hallo?«, meldete sie sich gereizt.
    »Wie geht es Ihnen?«
    Travis Settler. Sie erkannte die kräftige Stimme sofort. Ihr Herz schlug schneller, und auch wenn sie sich selbst albern dabei vorkam, musste sie daran denken, wie nahe sie einander in der vergangenen Nacht gewesen waren, im dunklen Innenraum seines Pick-ups.
    Sie setzte sich im Bett auf und lehnte sich gegen das Kopfteil. »Ganz gut.«
    »Haben Sie Ihren Wagen wieder?«
    »Einer meiner Brüder bringt ihn mir nachher.«
    »Gut. Ich dachte, wir sollten jetzt mit den Hunden anfangen.«
    Er hatte es eilig,

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