Bücher online kostenlos Kostenlos Online Lesen
Delphi Saemtliche Werke von Karl May Band II (Illustrierte) (German Edition)

Delphi Saemtliche Werke von Karl May Band II (Illustrierte) (German Edition)

Titel: Delphi Saemtliche Werke von Karl May Band II (Illustrierte) (German Edition) Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Karl May
Vom Netzwerk:
gehandhabt. Hast Du nicht schon die Klage gehört, daß der Islam seine Anhänger verhindere, in der Kultur Fortschritte zu machen?«
    »Sehr oft.«
    »Wird dieser Vorwurf dem Islam nicht meist von Andersgläubigen gemacht?«
    »Ich gebe das zu.«
    »Nun, sie kennen den Islam, den ächten Türken nicht. Der Islam verhindert den Kulturfortschritt nicht; aber die Macht, welche er dem Einen über den Andern ertheilt, ist in unrechte, treulose Hände gekommen. Auch der Türke ist gut. Er war und ist noch bieder, treu, wahrheitsliebend und ehrlich. Und wenn er anders wäre, wer hätte ihn anders gemacht?«
    Ich war ganz erstaunt, von diesem einfachen Mann, von einem Dorfschmied, solche Worte zu hören. Wo hatte er seine Anschauungen hergenommen? Waren sie die Frucht eigenen Nachdenkens, oder hatte er zufälliger Weise mit Männern verkehrt, die ihn zu sich emporgezogen hatten?
    Ich zog es vor, mich einer Antwort zu enthalten, und so fuhr er fort:
    »Der Türke hat dieses Land erobert. Ist das ein Grund, ihn aus demselben zu vertreiben? Antworte mir, Effendi!«
    »Sprich weiter!«
    »Hat nicht der Ingiliz, der Memtsche, der Moskow, der Tschinli, der Arab, der Danimarkaly, der Fransyz, der Filemenk, der Italialy, der Norwedschialy, der Adschem, der Portukis, der Spanjol, der Madschar und der Iswetschialy sein Land ebenso erobert? War nicht noch vor kurzem Prussia so klein wie ein Rikdan, und nun ist es so groß geworden, daß es Millionen von Menschen faßt? Wodurch ist es so groß geworden? Durch Barut, durch das Süngü und durch das Kylydsch, wohl auch durch das Kalem des Muameleti düweli aschna. Sie Alle haben früher nicht die Länder gehabt, welche sie jetzt besitzen. Was würde der Amerikaly sagen, wenn der Türke zu ihm käme und spräche: Du mußt fort, denn dieses Land hat dem rothen Volke gehört? Er würde den Türken auslachen. Warum also soll dieser vertrieben werden?«
    »Der Nemtsche will ihn nicht vertreiben.«
    »Ja, das habe ich gehört; aber der Nemtsche ist auch der Einzige, welcher Gerechtigkeit besitzt. In unserm Lande gab es ein Volk mit dem Katoliklik des Moskows. Dieses Volk war groß in Kenntnissen, aber noch größer in seinen Sünden. Da kam der Türke und züchtigte sie, ganz wie Joschuah die Völker des Landes Kannah züchtigte. Das war Gottes Wille. Aber mit ihm kamen die von ihm Besiegten; er war und blieb an Zahl der Kleine im Lande. Er hatte gesiegt durch seine Tapferkeit, und nun wurde er nach und nach besiegt durch Schlauheit und Hinterlist. Blicke Dich um! Zähle die Verbrechen, welche man verübt; sammle die Verleumder, Betrüger und Alle, welche gegen das Gesetz handeln, aber zu schlau sind, um ergriffen zu werden; gehe in die dunklen Häuser, in denen es nach dem Laster stinkt – wer sind sie, und woher stammen sie, die Du zu zählen hast? Wie viele wirkliche Türken wirst Du unter ihnen finden? Geht nicht durch ganz Asia ein ungeheurer Diebstahl, ausgeführt von dem Ingiliz und von dem Moskow? Findest Du nicht ein immerwährendes Erdrücken, Ersticken und Abschlachten der Stämme, welche zwischen diese beiden Riesen gerathen? Das thun diese Christen; der Türke aber ist froh, wenn man ihn in Ruhe läßt!«
    Er war von seinem Gegenstande so begeistert, daß er sogar die Pfeife hatte ausgehen lassen. Ich brannte ein Hölzchen an und reichte es ihm hin.
    »Zieh!« sagte ich.
    Er setzte den Tabak in Brand und meinte dann:
    »Siehst Du, daß ich sogar den Dschebeli vergesse; aber habe ich Recht oder nicht?«
    »Ich könnte Dir in Manchem widersprechen.«
    »So thue es!«
    »Wir haben nicht Zeit dazu.«
    »So seid Ihr Christen. Ihr verurtheilt uns, ohne uns belehren zu wollen, und ebenso greift Ihr zu, ohne zu fragen. Wer hat die besten Stellen des Landes? Wer besitzt den Einfluß? Wer bereichert sich fort und fort? Der Armenier, der Jude, der schlaue Grieche, der herzlose Engländer und der stolze Russe. Wer zehrt von unserem Fleisch? Wer saugt von dem Safte unseres Lebens, wer nagt an unsern Knochen? Wer schürt immer und immer den Mißmuth, das Mißtrauen, die Unzufriedenheit, den Ungehorsam der Unterthanen? Wer hetzt ohne Unterlaß Einen gegen den Andern? Es geht das unausgesetzte Soz-karyschtyrmak Eurer Idarei mülk wie ein zehrendes Feuer durch unsern Körper. Es soll uns hinraffen. Einst waren wir gesund. Wer hat uns angesteckt? Wer hat uns krank gemacht?«
    »Schimin, ich gebe Dir in Manchem Recht; aber laß das Kind im Bade, wenn Du das Wasser ausschüttest! Woher hast Du diese

Weitere Kostenlose Bücher