Delphi Saemtliche Werke von Karl May Band II (Illustrierte) (German Edition)
rastlos, uns und euch zum Glücke,
von Tag zu Tage neue Pfeiler, eine Brücke
hoch übers Grab hinweg zur Ewigkeit.Wir glauben! Welche Wonne, welche Lust!
Wie freun wir uns darauf, den Vorhang zu entfernen;
wie wirst du da des Glaubens Walten kennen lernen,
die Brücke sehn, von der du nichts gewußt!
Du wirst dann schaun wie wir, nimmst Teil an unsern Gaben,
doch ohne so wie wir, vorher geglaubt zu haben,
für dich ein unersetzlicher Verlust!Wir glauben! Erstes, doch nicht letztes Wort!
Dies erste Wort, ich hab es heut zu dir gesprochen,
das zweite hat schon längst die Gräber aufgebrochen,
doch leider warf der Unverstand es fort.
Das letzte hat sich unser Vater vorbehalten,
und ließest du nur ihn und seine Gnade walten,
so hörtest du’s schon hier und nicht erst dort.
Menschenliebe
Im Tagesgrauen schlief das stille Tal,
und seine Schönheit war mir noch verborgen;
dann plötzlich kam der erste Sonnenstrahl,
und mit ihm ward es heller, goldner Morgen.
Es flutete das Licht vom Himmelnieder,
als habe er sich selbst herabgesenkt,
und laut erklangen alle Morgenlieder,
die er allein, allein dem Walde schenkt.Nun ging des Tages Engel über Land,
ging durch den Hag, ging über Feld und Auen,
und überall, wo er ein Blümlein fand,
bog er sich nieder, um es anzuschauen.
Er kam auf allen Wegen hergeschritten,
und sah er wo ein wartend Fensterlein,
so ließ er sich nicht lange darum bitten,
er gab ihm Licht und gab ihm Sonnenschein.Er stieg den Berg, den steilen Fels hinan,
klomm auf die Firnen, in die Gletscherspalten;
er kletterte in alle Tiefen dann,
kam über schroffe Hänge, tote Halden,
und überall, am höchsten, tiefsten Orte
ward ihm der Mensch, das Tier, der Baum, der Stein
zum mahnenden, zum heilgen Gottesworte:
»Gib Liebe hier; auch diese Welt ist mein!« –So liegt des Menschen Herz in dunkler Nacht,
wenn sich die Andern ihm nicht gütig zeigen;
doch, wird der Strahl der Liebe ihm gebracht,
so wird das Dunkel bald dem Lichte weichen.
Dann zeigen sich in Blüten seine Auen;
es sprudeln alle Quellen hell und klar,
und du kannst Alles, Alles deutlich schauen,
was ohne Liebe dir verborgen war.Dann steig empor, steig nieder in das Land,
das sich in reicher Schönheit vor dir breitet;
doch tue es mit schonendem Verstand,
der niemals über Heiligtümer schreitet.
Und willst du weiter, immer weiter gehen,
bis dort, wohin vielleicht noch Niemand kam,
so wirst du bald erkennen und verstehen,
wer dieser Welt das Licht, die Wärme nahm.So wird sie dir vielleicht wohl lieb und wert;
du lernst sie besser, immer besser kennen;
sie bietet dir des Freundes Haus und Herd;
du möchtest dich nicht wieder von ihr trennen.
Und wenn sie so dir eigen ist geworden,
ist sie, die früher fremde, gänzlich dein.
Es kann die Welt an allen, allen Orten,
wenn du die Menschen liebst, die Deine sein.
Der Völkerfriede
Trag nicht empor ins Himmelreich,
was auf der Erde hat zu bleiben!
Du bist noch lange Gott nicht gleich
und willst dich ihm doch einverleiben.
Du wirfst ihm alle irdschen Fragen
zur pflichtgemachten Lösung hin;
die Allmacht soll sich für dich plagen;
das ist des Glaubens Zweck und Sinn.Erscheint dir eine Last zu schwer,
will Etwas dir nicht gleich gelingen,
so sorgt dich das nicht allzusehr;
du kannst es ja dem Vater bringen.
Du bist von ihm einst ausgegangen
und kehrest einst zu ihm zurück;
du brauchst von ihm nur zu verlangen,
dein Heil ist ja sein eignes Glück.So soll Gott Alles für dich tun;
er soll sogar auch für dich lieben.
Auf seiner Güte auszuruhn,
ist dir verbrieft, ist dir verschrieben.
Du brauchst nichts weiter, als zu glauben,
daß er die Welt zum Besten lenkt,
und eifrig gegen den zu schnauben,
der Gottes Reich sich anders denkt.Und gläubig schnaubend, lächelst du,
erfüllt von heilgem Himmelsfeuer,
dem Nächsten Gottes Liebe zu – –
die deinige ist dir zu teuer.
Die göttliche reicht für die Scharen
der Ungezählten ewig aus;
die menschliche hat man zu sparen;
sie geht nicht übers Ich hinaus.Und dieser Glaube will der Welt
durch diese Liebe Frieden bringen
und läßt als Herrscher und als Held
sein »Et in terra« erklingen!
Und dieser Glaube, viel zerrissen,
stets mit sich selbst in Zank und Streit,
er will allein zu finden wissen
das, was ihm fehlt, die Einigkeit!O, glaub an diesen Glauben nicht!
Glaub nur allein an Gottes Liebe.
Was er der Menschheit auch verspricht,
nichts ist, was er nicht schuldig bliebe.
Es kann nur einen Glauben geben,
wie es nur eine Liebe gibt,
und
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