Delphi Saemtliche Werke von Theodor Fontane (Illustrierte) (German Edition)
voll Huldigung und Liebesfreude. Was daneben zu wahren bleibt, das heißt Dekorum. Nichts weiter. Anstoß geben oder geben sehen ist mir gleich unerträglich; mais c’est tout. Diskretion also, Dekorum, Dehors.«
»Und mit diesen Vollmachten ausgerüstet, soll ich die Frage tun und die Verhandlungen führen?«
»Ja, willst du’s?«
»Ich will es, weil ich es wollen muß und weil mein Widerspruch in deinen Entscheidungen nichts ändern würde. Gegenteils. Widerspruch hat dich immer nur gereizt und dich eigenwilliger gemacht in dem, was du wolltest. Also noch einmal, ich will. Ich weiß auch sehr wohl, es sind solche Verbindungen, wie sie dir in diesem Augenblick als ein Ideal vorzuschweben scheinen, jederzeit geschlossen worden; die Kirche verbietet sie nicht. Die Kirche betont nur die Heiligkeit der Ehe, nicht das Glück der Ehe. Was ich dir also noch zu sagen habe, kommt nicht aus Prinzip oder Dogma, sondern einzig und allein aus dem Herzen einer Schwester, die dich liebt. Und als solche rufe ich dir zu: Gehe nicht diesen Weg, halte vielmehr inne, wenn du noch innehalten kannst. Ich prophezeie dir…«
»Ich glaube nicht an Prophezeiungen.«
»Nun denn, so sollen sie dir auch nicht werden, und nur einem Worte noch öffne dein Ohr und deine Seele. Sieh, du teilst die Pflicht in Pflichten und die Pflichten selbst wieder in solche, die dir je nach Gefallen unerläßlich oder aber auch erläßlich erscheinen. Und zu den unerläßlichen rechnest du vor allem die Diskretion und das Dekorum und die Dehors. Aber das sind vage Begriffe. Wo ziehst du scharf die Grenze zwischen dem, was statthaft und was unstatthaft ist? Was liegt innerhalb deiner ›Dehors‹ und was liegt außerhalb?«
Es war ersichtlich, daß er hier unterbrechen wollte. Judith aber nahm seine Hand und fuhr, immer eindringlicher werdend, fort: »Und zu dem einen Worte, Bruder, noch ein zweites. Du glaubst allerpersönlichst deiner wenigstens sicher zu sein, sicher in dem, was du Drüberstehen und Anschauungsfreiheit und Vorurteilslosigkeit nennst. Aber auch darin irrst du. Du bist weder deines Herzens noch deiner Meinungen sicher, und was dir heut ein Nichts bedeutet, kann dir morgen eine Welt bedeuten. Schwankend ist alles, und fest allein ist Gottes Gebot. Auch das ungesprochene, das still und stumm in der Natur der Dinge liegt. Ich beschwöre dich, Bruder, überleg es. Es leitet mich nur die Liebe zu dir.«
»Und der alte Erziehungshang.«
»Ein Wort, aus dem ich sehe, daß es zu spät ist und daß du’s unabänderlich willst. Und so werd’ ich denn das Gespräch mit Franziska haben. Aber nicht hier; erst wenn wir alle wieder in Wien sind.«
Er war es zufrieden, nahm Hut und Stock und verließ das Zimmer, indem er ihr zerstreut einige Worte des Dankes sagte.
Sie sah ihm nach und griff in ihrer Angst und Unruh nach einem Andachtsbuch, um darin zu lesen. Aber es wollte nicht gelingen. »In welche Lagen uns doch das Leben führt! Ich eine Freiwerberin. Und in einer Sache, die mich betrübt und erschreckt!«
Elftes Kapitel
Eine Woche später hatte man sich wieder in dem alten Petöfyschen Palais eingerichtet, und schon den Tag darauf empfing der Graf durch Andras, der den Verkehr zwischen den beiden Flügeln unterhielt, einige Zeilen, in denen ihm Judith in aller Kürze mitteilte, daß sie Franziska gesprochen habe. Dieselbe sei dem Anschein nach nicht allzu überrascht oder doch wenigstens vollkommen ruhig gewesen und erwarte seinen Besuch.
Es war elf Uhr, als ihm diese Zeilen zu Händen kamen, und vor Ablauf einer Stunde schon war er auf dem Wege nach der Salesiner Gasse. Das Leben in der Ringstraße kam ihm heute noch heiterer vor als gewöhnlich, und das Haus selbst, das in mittäglichem Sonnenschein dalag, schien ihm, als er von der Innenstadt her in die Vorstadt einbog, nur Glück und Freude bedeuten zu sollen.
Oben traf er Hannah, die mit einem Anfluge von Verlegenheit ihn einzutreten bat. Das Fräulein sei zur Probe, müsse jedoch sehr bald wieder da sein.
Das Zimmer, in das er von Hannah geführt worden war, war dasselbe, in welchem Franziska nach ihrem ersten Plauderabend bei der Gräfin eine Schilderung des cercle intime versucht hatte. Nichts darin, das im geringsten an ein Boudoir erinnert hätte, vielmehr herrschte statt alles russisch Patschulihaften, das sonst wohl den Zimmereinrichtungen junger Schauspielerinnen eigen zu sein pflegt, eine norddeutsche Schlichtheit und Ordnung und eine beinahe holländische Sauberkeit
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