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Delphi Saemtliche Werke von Theodor Fontane (Illustrierte) (German Edition)

Delphi Saemtliche Werke von Theodor Fontane (Illustrierte) (German Edition)

Titel: Delphi Saemtliche Werke von Theodor Fontane (Illustrierte) (German Edition) Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Theodor Fontane
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ihrigen lagen.
    In Franziskas Zimmer dämmerte das Licht des scheidenden Tages. Was sie zunächst sah, war ein Muttergottesbild über ihrem Schreibtisch. Es gab ihr im ersten Augenblick einen Schreck, und als Hannah gleich darnach eintrat, ging sie rasch auf diese zu und umarmte sie.
    Hannah ihrerseits machte sich los, um ihrer Freundin, die sie jetzt verlegen und doch auch mit einem Anfluge von Schelmerei »ihre liebe Gräfin« nannte, die Hand zu küssen. Aber Franziska schloß ihr den Mund und sagte: »Was Gräfin! Gräfin bin ich vor den Leuten. Hier bin ich deine Franziska. Wie’s war, so bleibt es… Gott, liebe, liebe Hannah, wie du mir gefehlt hast! Jede Stunde. Sieh, der Graf ist so gut gegen mich, zu gut… Aber erst nimm mir den Mantel ab und dies noch, und nun gib mir ein Glas Wasser, damit will ich anfangen im schönen Ungarland. Ich bin so benommen, so verschmachtet… so, das hat mich erquickt… verschmachtet von der Hitze, von dem vielen Sehen und der Aufregung und Fremdheit. Sieh doch nur.« Und sie wies auf das Muttergottesbild.
    »Ich mußt’ es lassen, Fränzl, und auch den Rosenkranz, den sie dem kleinen Christus über den Arm gehängt haben. Aber das große weiße Lilienbouquet, das darunter stand, das hab’ ich dem alten Gärtner wieder abdisputiert und ihm gesagt, die Gräfin kriege Kopfweh.«
    »Da hast du recht getan. Und nun geh vorauf und zeige mir die Räume, darin ich wohnen soll.«
    Es waren nur wenige Zimmer. An das Wohnzimmer, darin sich beide zunächst befanden, schloß sich ein Toiletten- und Schlafzimmer. Dann aber kam ein Treppchen, nur drei, vier Stufen, das zu Hannahs Gelaß, einem eingebauten Alkoven, hinaufführte.
    »Das ist nun also mein neues Heim«, sagte Franziska. »Weißt du, Hannah, es gefällt mir und gefällt mir auch namentlich um deshalb, weil es nicht größer ist, als es ist; nicht so endlos. Und nun zeige mir auch, was wir nach der andern Seite hin haben. Oder sage mir’s wenigstens.«
    »Da haben wir erst den Saal mit dem großen Balkon und hinter dem Saal ein Billardzimmer und die Bibliothek. Und hinter der Bibliothek die Bildergalerie.«
    Hier wurde Hannah durch das Eintreten eines alten und kränklich aussehenden Dieners unterbrochen, der mit vieler Förmlichkeit meldete, daß der Graf die Frau Gräfin erwarte, so’s der Frau Gräfin genehm sei… Auf der Veranda.
    »Wer war der Alte?« fragte Franziska.
    »Das war Herr Koloman Czagy, des Grafen erster Kammerdiener. Er kränkelt seit einiger Zeit und war deshalb letzten Winter nicht mit in Wien, sonst hätten wir seine Bekanntschaft schon früher machen müssen. Ja, Herr Koloman ist mit dem Grafen jung gewesen und gilt fast noch mehr als der Andras.«
    »Ah, ich versteh’. Aber unter allen Umständen will ich den Grafen, seinen Herrn, nicht warten lassen! Arrangiere mir nur das Haar ein wenig, es ist so zerzaust vom Wind, und erzähle mir dabei. Du mußt ja während dieser drei Wochen eine ganze Welt von Dingen erlebt haben, und wenn ich dich so stehen sehe, kommst du mir schon halb ungrisch vor. Bring mir nun ein paar Worte bei, daß ich wenigstens ›Guten Tag‹ oder ›Wie geht es Ihnen?‹ sagen kann. Ich will dem Grafen eine Freude machen. Er ist so dankbar für Kleinigkeiten.«
     
    Der Tee ward auf der Veranda genommen und dabei lebhaft und in heiterem Tone geplaudert.
    »Ich hoffe, daß nichts fehlt«, sagte der Graf.
    »Im Gegenteil«, scherzte Franziska. »Mehr ist da, als ich erwarten durfte, selbst eine Mutter Gottes über dem Schreibtisch.«
    Er lachte.
    »Ja, Fränzl, ohne das tun wir’s halt nit, und a bissel fürs Haus ist auch in alle Wege gut, wie Riechsalz oder Melissengeist. Ehe man’s sich versieht, braucht man’s und fragt nicht lang, ob es aus einer Klosterapotheke stammt oder aus einer andern. Konfession! Bah, das bedeutet nicht viel. Es gibt so vieles, was darüber steht und sich unmittelbar an den Menschen wendet, er sei so oder so. Sieh, ich glaub’ eigentlich nichts und überlaß es meiner Schwester-Gräfin, mich aus dem Fegfeuer oder auch noch von wo andersher freizubeten, aber unsere schwache Natur ist doch schließlich immer stärker als unser stärkster Glaube, der au fond bloß renommiert und keine Courage hat, das weiß ich von mir selbst, und sowie was auf dem Spiele steht oder auch bloß eine Gicht oder ein Zwicken kommt, so schiel ich nach meinem heiligen Stephan hinüber, der über meinem Schreibtisch steht, geradso wie das Muttergottesbild über dem deinen,

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