Delphi Saemtliche Werke von Theodor Fontane (Illustrierte) (German Edition)
Schloßberghöhle herabkommende Gießbach sei, nach dem Hannah am Abend vorher ausgeschaut hatte.
Sobald sie sich in dem allem zurechtgefunden, wandte sie sich wieder in das Zimmer zurück, um sich hier allmählich und mußevoll mit dem Raum vertraut zu machen, darin sie nun leben sollte. Die Möbel waren alt, aber wohlerhalten, und jedes Stück interessierte sie, zumeist eine Rokokokommode, die mit Schildpatt und großen goldenen Griffen reich ausgestattet war. Über dieser Kommode befand sich eine Bücheretagère von Nußbaumholz, auf deren oberstem Bord allerlei Meißner und chinesisches Porzellan stand, links und rechts zwei kleine Pagoden. Sie setzte dieselben in Bewegung und sah ihrem gravitätischen Kopfnicken zu. Dann aber nahm sie neugierig einige Bände.
»Was mag man nur früher hier gelesen haben?«
Es waren deutsche, französische, namentlich aber englische Bücher in buntester Reihenfolge. Werthers Leiden und Thomas a Kempis’ Nachfolge Christi standen friedlich nebeneinander; dann kamen die Canterbury Tales in einer illustrierten Prachtausgabe, zuletzt aber Rousseau, mehrere Bände. Nichts war da, was auf einen bestimmten Geschmack hingedeutet hätte, nur auf jene literarisch gebildete Teilnahme, wie sie während der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts in der Mode war.
Um neun Uhr wurde das Frühstück eingenommen, und Franziska begab sich auf die Veranda. Der Graf, als er sie kommen sah, warf die Morgenzigarette fort, legte die Zeitung aus der Hand und erhob sich aus seinem Schaukelstuhl, um die neue Schloßherrin zu begrüßen. Sie trug ein Morgenkleid von weißem Kaschmir und empfing Schmeicheleien und Huldigungen von seiten des Grafen, der einen ausgebildeten Sinn für Toilettendinge hatte. Sie setzte sich ihm gegenüber, und keinen Augenblick im Zweifel, welcher Ton anzuschlagen sei, begann sie von ihrer ausgestandenen Angst und Unruhe zu berichten.
»Und nun sage mir, Petöfy, habt ihr wirklich keine Gespenster?«
»Nein, Fränzl, in dem einen Stücke sind wir durchaus modern. Ein paarmal hat uns der Toldy dergleichen aufreden wollen; aber es kam nicht. Ich vermute, aus Respekt vor meinen Pistolen.«
»Und doch glaub’ ich an Spuk und dergleichen.«
»Ich auch. Aber es muß was vorausgegangen sein, und dies alte Schloß Arpa, soweit ich seine Geschichte zurückverfolgen kann, ist einfach nur aus Stein und Mörtel aufgebaut worden und ist nichts dazwischen. Und sieh, wo die Dinge so schlicht und alltäglich liegen, da fehlen die Vorbedingungen für den Spuk. Ich möchte sagen, die Petöfys haben der Gespensterwelt nicht genug zu Gefallen getan und sich viel zu sehr als prosaisch ordentliche Leute geriert.«
»… So daß ich also behaupten darf, in eine durchaus respektable Familie gekommen zu sein.«
»Darfst du«, lachte der Graf. »Und wirklich, ein paar Kleinigkeiten, ein paar sehr ›läßliche Sünden‹ abgerechnet, wie Schwester Judith sagen würde, sind wir über das Hausbackenste nicht hinausgekommen. Eigentlich nie. Mein Urgroßvater ließ sich anfänglich gut an und entführte von Brüssel her eine Komtesse Damremont, aber es hielt nicht lange vor, er heiratete sie gleich nach der Entführung und strich also die Schuld aus seinem Schuldbuche wieder aus. Darnach kam mein Großvater, der in der Struensee-Zeit als Gesandter in Kopenhagen einen Grafen Schimmelmann im Duell über den Haufen schoß. Aber das ist auch alles.«
»Und am End’ auch gerade genug.«
»Vielleicht. Nur nicht genug, um dir oder mir oder irgendwem anders durch Erscheinung einer Dame blanche die Nachtruhe zu stören. Und nun erlaube mir, dir von dieser Lachsforelle vorzulegen, eine Delikatesse, neben der selbst die Felchen im Bodensee verschwinden. Natürlich Spezialität von Schloß Arpa. Aber nun Pardon, wenn ich dich schon verlasse; meine Leute graben mir im Park einen artesischen Brunnen und sind schon, glaub’ ich, über den Mittelpunkt der Erde hinaus. Alles, was Magyar ist, ist eigensinnig und will sein Ziel und Glück allemal da finden, wo er’s zu suchen angefangen hat. Und wenn’s eine Handbreit daneben liegt, so läßt er’s liegen.«
»Was mir, beiläufig, gefällt. Man muß das Glück zu zwingen wissen.«
»Gewiß, aber seine Launen auch zu respektieren verstehen. Und nun au revoir.«
Auch Franziska erhob sich und ging in ihr Zimmer zurück.
Oben fand sie Josephine. »Ach, laß es heut’, Josephine; Hannah soll kommen.«
Josephine knickste verdrossen und einigermaßen
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