Denkwürdigkeiten aus meinem Leben [microform]
in jener Anstalt befanden, nicht den Ge-fahren eines feindlichen Überfalls preis zu gebene*^). Erwünscht erschien meinen Eltern diese Gelegenheit, um sich mit ihrer Familie dieser Reise anzuschließen, und ich war zu gewohnt, meinen Eltern in allem unbe-dingt zu gehorchen, als daß ich es gewagt hätte, zurück zu bleiben und mich im Zustande der Schwangerschaft den Schrecken und Gefahren auszusetzen, welche, wie doch die Mehrzahl der Wiener befürchtete, uns bei der Eroberung der Stadt durch die Truppen der damaligen Republik drohten.
Es wurde also in einem Familienrate beschlossen, daß ich mit meinen Eltern nach Dürnholz (einem Schlosse an der mährischen Grenze, welches dem Theresianum gehörte) reisen sollte, und m.ein Bruder vermochte meine Eltern dahin, auch seine Geliebte und künftige Braut, ein Fräulein v. Kurländere^°), die Tochter einer mit uns durch alte Freundschaftsbande verbundenen Familie, mitzunehmen, um auch sie vor den möghchen Gefahren, die.sich ereignen konnten, zu sichern. Frei-lich mußte ich mich nun von meinem Manne trennen, und das tat mir unendlich leid; aber ich glaubte in dem ausgesprochenen Befehl meiner Mutter ein Gebot zu sehen, wider welches keine Appellation stattfand; und so trat ich denn mit recht schwerem Herzen diese an sich freilich unbedeutende Reise an, die unter an-
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dern Umständen allerlei Angenehmes und selbst Kö-misches hätte haben können.
Auf bequem eingerichtete, lange Wagen, nach Art der „Zeiselwagen", wurde eine ziemliche Anzahl jun-ger Leute, wovon viele noch im Knabenalter standen, aufgepackt; bei weitem nicht alle Zöglinge, denn die-jenigen, für die ihre Eltern sorgen konnten und wollten, wurden ihnen übergeben. Einige Patres Piaristen, (wel-chen das Theresianum damals wie einst den Jesuiten übergeben war) begleiteten sie. Dann folgten unsere beiden Kutschen, mit unsern eigenen Pferden be-spannt, und so bewegte sich der Zug ziemlich gemäch-lich und langsam auf der Brünnerstraße fort und wir er-reichten unser Ziel, das mit Postpferden kaum eine Tagereise weit war, erst am folgenden Tag.
Ein altertümliches Schloß2^^), einst ein Besitztum des letzten Barons von Teuffenbach, der es zu einer Stiftung bestimmt hatte, nahm uns auf. Wir bewohn-ten ein paar hohe, große Stuben, deren weiße Wände und wenige Möbel keine großen BequemHchkeiten ver-sprachen. Die Zöglinge des Theresianums mit ihren Hofmeistern waren auf einem andern Flügel einquar-tiert und nur die zwei angesehensten der geisthchen Herren aßen mit uns an demselben Tische. Es gestal-tete sich ein, im Ganzen ziemlich angenehmes Leben, obwohl die unbedeutende, flache Gegend, welche erst kürzlich von der, hier in der Nähe fließenden Thaya war überschwemmt worden, und auf Feldern und Wiesen noch genug Spuren davon in Schlamm, Sumpf und toten Fischen zeigte, verbunden mit der frühen Jahres-zeit im Anfange des April wenig ländliche Freuden bot. Aber die beiden Geistlichen waren gebildete, welterfahrene Männer und meine Eltern sowohl als
Vorstellung der Versammlung des allgemeinen Wiener Aufgebothes auf dem Glacis am 17. April 1797
Kolorierter Stich von Josef Eder nach Joh. Adamek — Städtisches Museum, Wien
wir jungen Leute fanden in ihrer Unterhaltung, in Lek-türe, Arbeit und einigen Spaziergangen Stoff genug, unsere Zeit leidlich zu verbringen. Aber mein Herz war nicht ruhig. Mir standen die Gedanken nach Wien zu meinem Mahne, und je länger unser Aufenthalt in Dürnholz dauerte, je unbestimmbarer seine Dauer überhaupt und unsere ganze prekäre Lage war, je schwerer wurde mir die Trennung von Pichler. Mich überfielen düstere Einbildungen, die ich für sichere Ahnungen hielt, daß ich hier in Dürnholz krank wer-den und fern von meinem Manne sterben würde, ohne den Trost, in seinen Armen mein Leben zu endigen und ohne die Freude, mein Kind zu gebären. Vielleicht war dieser körperliche Zustand, verbunden mit dem natürlichen Weh der Trennung, die sehr begreifliche Ursache meiner melancholischen Vorstellungen, die ich indessen niemand, selbst nicht den Briefen an meinen Mann anvertraute und nur mit gespannter Angst auf jede Nachricht von Wien wartete, die uns über die Lage der Dinge, das Vorrücken der Feinde und die An-stalten, welche in Wien getroffen wurden, etwas Zu-verlässiges berichten konnte.
Beinahe vierzehn oder noch mehr peinliche Tage waren auf diese Art für mich langsam dahingeschli-chen. Meines Mannes Briefe waren meine, einzige Freude. Aus
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