Denkwürdigkeiten aus meinem Leben [microform]
hübsche an seine Truppe von der Jägerzeile hielt ^^'').
So hatte denn unsere Angst und Not für diesmal ein Ende, und ich fing sogleich eine Beschäftigung ganz anderer Art an, nämlich die Vorbereitungen für den Empfang des unbekannten, teuren Wesens, das ich er-wartete, und das, meiner Rechnung zufolge, etwa in der Hälfte des Oktober erscheinen sollte. Der Sommer v/ar sehr trocken und sehr heiß, ich fühlte das durch meine körperliche Lage doppelt, doch war ich im ganzen sehr wohl und hatte eben keine großen Beschwerden zu er-tragen. Dennoch betrachtete ich den Zeitpunkt, wel-cher mir bevorstand, mit sehr ernsten Blicken, und ge-wohnt, den Gedanken an den Tod mir oft zu ver-gegenwärtigen, entwarf ich, wenige Wochen vor mei-ner Entbindung, mein Testament.
Mit Ende des Septembers verließen wir unsere Gar-tenwohnung, um die bevorstehende Katastrophe in der Stadt abzuwarten, und diese erfolgte denn unter sehr glücklichenf Umständen am 11. Oktober 1797 spät gegen Mitternacht, nachdem ich schon die vorher-
gehende Nacht sehi^-unruhig zugebracht hatte. Denn zu den körperhchen Vorempfindungen, welche mir den Schlaf verkümmerten, gesellte sich auch noch eine mo-ralische Angelegenheit, die mir die Ruhe nahm, und das war, so seltsam dies klingen mag, das Schicksal des Generals Lafayette^^^.
^Dieser Mann war von seinem ersten Auftreten in der. Revolution von 1789 an, durch sein Benehmen in der Nationalversammlung (wo er einer der ersten seine Adelsvorrechte und den wohlerworbenen Ruhm seiner Alinen willig auf dem Altar des Vaterlandes opferte), auf dem Marsfelde, bei der Flucht des unglückHchen Königs, kurz bei jeder Gelegenheit mir so groß und edel erschienen, daß er meine ganze Bewunderung er-worben hatte, und wahrHch, sein Lebenslauf und die Weise, wie er nach vierzig Jahren wieder als Retter und Schirmer des Vaterlands auftrat, hat meine An-sichten vollkommen gerechtfertigt. Damals nun war die Nachricht von seiner höchst unbilligen Gefangen-nehmung und Einkerkerung in Olmütz entweder erst in Wien oder wenigstens mir bekannt geworden. Ge-nug, sie beschäftigte meine Einbildungskraft unauf-hörlich, und Lafayette, seine Frau, die ihn begleitete oder besuchte, und überhaupt seine Lage auf der un-freundhchen Ffestung war in der Nacht vor meiner Nie-derkunft das Bild meiner Träume und der Gegenstand meiner wachen Gedanken.
Aber die Erscheinung eines gesunden, wohlgebildeten Töchterchens, die Leiden und Freuden, die Unruhe und Geschäfte, welche eine solche Epoche begleiten, löschten wenigstens für den Augenblick Lafayettes An-denken in meiner Phantasie aus, und ich war ganz glück-lich und beruhigt im Besitz des lieben, kleinen Wesens,
das ich selbst zu stillen beschlossen hatte und es auch sogleich ausführte. Die Kleine bekam den Namen ihrer Mutter und Großmutter und hieß KaroHne wie wir^^*).
Mein Wochenbett war glücklich und wäre auch ver-gnügt gewesen, wenn nicht ein häusliches Mißver-ständnis den Frieden meiner Eltern, hierdurch die Laune meiner Mutter und folglich die Heiterkeit unsers Zusammenlebens gestört hätte. Ich habe schon erzählt, daß mein Bruder seine Neigung einem Fräulein von Kur-länder zugewendet hatte, ein Mädchen von unstreitig vielen vorzüglichen Eigenschaften, deren Wuchs ma-jestätisch, deren Anstand edel, ihre Gesichtszüge aber nicht schön und ihr Betragen nicht gewinnend waren. Unter uns Mädchen hatte sie keine eigentliche Freun-din oder Vertraute gefunden. Es lag etwas Kaltes, Stolzes in ihrem Benehmen, und so fein und artig ihr Umgang war, fühlten wir uns doch nicht befriedigt in ihrer Nähe. Meinem Bruder gefiel sie außerordentlich. Ihr edler Anstand bezauberte ihn, ihre Kälte gegen die übrigen verhieß ihm eine ausschließende Wärme für. ihn, und je weniger sie sich den andern mitteilte, je fester und unumschränkter hoffte er in ihrem Herzen zu herrschen. Wir übrigen konnten seine Überzeugung nicht teilen; wer aber von uns recht behalten hätte, das hätte nur die Zeit entscheiden können, und hierzu lebte die arme Marie nicht lange genug. Doch ich darf meiner Erzählung nicht vorgreifen.
Auch meine beiden Eltern, obwohl sie keine bestimmte Einwendung gegen das Mädchen machen konnten, freuten sich dieser Schwiegertochter nicht sehr, und auch hierin war ich glücklicher gewesen als mein Bru-der; denn meine beiden Eltern, vorzüglich aber mein Vater, waren ganz zufrieden, ja vergnügt durch meine
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Ehe, Endlich aber erhielt mein
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