Bücher online kostenlos Kostenlos Online Lesen

Denkwürdigkeiten aus meinem Leben [microform]

Titel: Denkwürdigkeiten aus meinem Leben [microform] Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: 1769-1843 Caroline Pichler , 1881-1925 Emil Karl Blümml
Vom Netzwerk:
Feinde zu überlassenden Provinzen bis gegen Wien. Dieses Ereignis bereitete auch mir ein unverhofftes Wiedersehen einer Person, die mehrere Jahre vorher einen zu tiefen Eindruck auf mein Ge-müt gemacht hatte, als daß die Aufregung eingeschla-fener Erinnerungen selbst jetzt, wo ich glücklich ver-heiratet und über jene Ereignisse längst ein beruhigen-der Schleier gezogen war, nicht dennoch eine vorüber-gehende Erschütterung in meinem Innern hätte ver-

    ^^cM^ew^ innx
    m
    *y' %.^-etfAe jS'A
    M

    Ursachen sollen, und weil es so war, so stehe es hier, zur Steuer der Wahrheit.
    Fernando, der junge Offizier, dessen sich die Leser wohl noch erinnern werden, war indes zum Major im Generalstab vorgerückt, und befand sich, ohne daß ich es ahnte — denn ich hatte in Jahren nichts mehr von ihm gehört und geflissentlich nicht nach ihm gefragt — bei dem retirierenden Armeekorps, dessen Rückzug er unter vielen Beschwerden mitgemacht und leiten geholfen hatte.
    Eines Abends trat er plötzlich und völlig unerwartet bei uns ein. Ich leugne es nicht, daß dies Wiedersehen mich erschütterte, daß ich einige Minuten bedurfte, um meine ruhige Fassung zu erhalten; aber es ging. Das Bewußtsein meines jetzigen* Standpunktes' in einer glücklichen Ehe und Fernandos feines Gefühl halfen uns über diesen Moment hinweg. Ich empfing ihn als einen werten alten Freund und er gab sich auch so. — Er besuchte uns nun oft, erzählte uns, was er bei dieser Retraite ausgestanden, erinnerte uns an manches ver-gangene Ereignis, und wir besuchten ihn wieder im Hause seines Oheims, des Hofrates, wo er sich aufhielt und noch eine Weile an den Folgen der Winterkam-pagne zu leiden hatte. Kurz, das Verhältnis ordnete sich zu unserer beiderseitigen Zufriedenheit. Alles Leidenschaftliche hatte sich läuternd abgesondert und nur gegenseitige Achtung und Wohlwollen waren zu-rückgeblieb 3n. Nach dem bald erfolgten Waffenstill-stand trat er als Obristleutnant aus dem Generalstab in ein Husarenregiment, produzierte sich in seiner prächtigen, reich mit Gold besetzten Uniform, und schied endlich unter herzlichen Freundschaftsbezeu-gungen und unsern wärmsten Wünschen von uns,
    Bald darauf verheiratete er sich mit einem sehr jungen polnischen Fräulein, und hat, so viel ich weiß, in einer glücklichen Ehe mit ihr gelebt.
    So hatte sich denn durch Zeit und veränderte Ver-hältnisse ein Eindruck wie ein flüchtiger Schatten aus meinem Gemüte verloren, der durch viele Jahre stark genug gewesen war, um mir manche trübe und bittere Stunde zu verursachen, und dessen ehemalige Gewalt ich erst recht dadurch erkennen konnte, daß sich unter ganz veränderten Umständen doch die letzten Spuren desselben bei dem unvermuteten Wiedersehen in mei-ner Seele regten. ^
    Wichtigere und tiefer gehende Gedanken und Sor-gen bemächtigten sich in dieser Zeit meiner wie aller Menschen. Die französische Armee stand auf öster-reichischem Boden und man zitterte in Wien vor den Ereignissen, die kommen konnten. Viele dachten aber-mals auf Flucht wie im Jahre 1797, und die Unge-wißheit und Ratlosigkeit dieser Lage, in der niemand mit Sicherheit einen Entschluß zu fassen wußte, und wobei die Einbildungskraft freies Spiel hatte, alle mög-lichen Gefahren und Unfälle von den noch sehr wilden repubHkanischen Horden zu fürchten, waren unaus-sprechlich peinigend.
    In diesen drangvollen Umständen ertönte plötzlich wie eine Stimme vom Himmel die Nachricht, daß der Erzherzog Karl, der früher schon einmal als Retter Germaniens*) von der ganzen Welt war erkannt und verehrt worden, das Kommando wieder übernommen und sich an die Spitze der Armee gestellt habe^^.
    •) Viele werden sich noch der goldenen Kreuze mit der In-schrift: „Dem Retter Germaniens" erinnern, die man damals trug und die ihre Stiftung einer Fürstin von Fürstenberg verdankten.
    Alles fing an zu hoffen; nicht auf Sieg und Glück, das war nach der Lage der Dinge nicht möglich; aber auf Rettung, und diese erfolgte denn auch durch unsers teuern Helden Karl Vermittlung. Am 27. Dezember kam er unvermutet in Wien an und brachte selbst die Nachricht des abgeschlossenen Waffenstillstands^^). Das Verderben war für diesmal nicht ganz abge-wendet, aber aufgehalten, und bei der Vorstellung der mannigfachen Übel, die uns so nahe drohen konnten, schien schon diese Waffenruhe uns ein wahres Heil.
    Mit lautem Jubel empfing das Volk unsern Retter, ein freudiger Taumel bemächtigte sich aller Gemüter, und ihm

Weitere Kostenlose Bücher