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Denkwürdigkeiten aus meinem Leben [microform]

Titel: Denkwürdigkeiten aus meinem Leben [microform] Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: 1769-1843 Caroline Pichler , 1881-1925 Emil Karl Blümml
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Unzufriedenheit mit den Maßregeln der Regierung, besonders von dem un-gestümen Jammern der Fabriksarbeiter. Aber er setzt uns sogleich auseinander, daß diese Klassen durch frü-heren reicheren Erwerb sich an ein solches Wohlleben gewöhnt haben, daß sie über Mangel und Not schreien, wenn sie nicht täglich ein- bis zweimal Fleisch und Ku-chen zum Tee haben können. So weit haben wir es noch nicht gebracht; denn es ist bei uns nicht so viel Geld in Umlauf wie in England, ich halte mich aber für überzeugt, daß die zunehmende Teuerung ebenso s5hr von dem steigenden Luxus der untern Klassen als von den erhöhten Steuern, welche die Regierung auferlegt, herrührt, und daß in den allermeisten FäUen, wie oben gesagt, von keinem Mangel an eigentlichem Lebensunterhalt, sondern nur an feinern Lebensgenüs-
    sen die Rede ist, an welche sich der gemeine Mann im-mer mehr und mehr hat gewöhnen lernen. Viel hat bei uns die Zeit der Bänkozettel zu dieser Steigerung der Genüsse und somit der Bedürfnisse in den arbeitenden Klassen beigetragen, indem diese im Verhältnis viel besser daran waren als die kleinern, ja selbst die etwas höhern Staatsbeamten. Ob nun dies ein Glück für die Nation zu nennen ist, wie viele Statistiker und Nationalöko-nomen behaupten, oder ob es zum sittlichen Verderben führt, wage ich nicht zu entscheiden. Kluge und er-fahrene Männer stehen auf beiden Seiten und ich denke, daß noch
    sub judice lis est.
    Pichler war in diesem Jahre 1802 bei der sogenann-ten Wohltätigkeitskommission *^^) unter der Leitung des Grafen Mittrowsky*^') angestellt. Es sollte diese Kom-mission der immer steigenden Teuerung der not-wendigsten Bedürfnisse steuern so wie der obener-wähnte Wohltätigkeitsverein; aber sie erreichten beide ihren Zweck nur in sehr geringem Maße, weil, wie ich glaube, in solchen Umständen, welche sich frei und organisch aus der jedesmaligen Lage der Dinge ent-wickeln, ebensowenig durch partielle Einwirkung ab-zuhelfen, als gegen den Strom zu schwimmen ist. Die Zeitverhältnisse, die langen und unglücklichen Kriege, die Finanzverwirrungen, die Devaluation des Papier-geldes aller Art, der steigende Luxus der untern Stände und einige unfruchtbare Jahre hatten jene Not her-beigeführt, und ihr zu wehren oder sie aufhören zu machen, lag außer dem Bereich menschhcher Kräfte. Teilweise wurde hier und dort nachgeholfen, so z. B.
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    dem immer fühlbareren Mangel an Brennholz für den ungeheuren Bedarf der Hauptstadt teils durch vorsich-tige Vorkehrungen hier auf dem Platze selbst, teils durch Eröffnung neuer Zuflüsse aus den reichen Wal-dungen von Unter-, Oberösterreich und Steiermark. Zu diesen beiden Arten von Tätigkeit verwendete Graf Mittrowsky meinen Mann. Er mußte im Bureau über die Austeilung des Holzes an die Parteien wachen und von Zeit zu Zeit Reisen in die Gebirge unternehmen, um dort mit Zuziehung der Kreisbeamten, Wasser-baukundigen, herrschaftlichen Beamten usw. für Fäl-lung des Holzes in noch unbenutzten Waldungen, Her-ausschaffung desselben durch Riesen, Wehren, Rechen usw. und Verführung nach der Hauptstadt zu sorgen. Diese Reisen wurden noch durch mehrere Jahre fast jeden Sommer wiederholt und boten uns später die er-wünschtesten Gelegenheiten, die schönsten Gegenden dieser Provinzen zu besuchen, uns an ihren malerischen Ansichten, ihren geschichtlichen Merkwürdigkeiten zu erfreuen und gaben mir die Veranlassung und Szene-rie zu manchen meiner Romane und Erzählungen.
    Aber noch bedeutender und angenehmer wirkten diese Dienstverhältnisse auf Pichlers und somit auf mein Leben ein. Es war damals die Kreishauptmanns-stelle in Korneuburg nach dem Abgang des Baron von Lederer erledigt *^^. Pichler bewarb sich mit mehreren darum — er war nahe daran, sie zu erhalten, das hätte ihn und mich sehr glücklich gemacht, denn wir liebten das Land oder das stille Leben in einer kleinen Stadt, wo wir einen Garten und ein bequemes Wohnhaus ge-funden hätten. Hier aber erhob sich ein peinlicher Widerstreit. Meine Mutter erklärte geradezu, sie würde nicht mit uns ziehen und ihr Haus in Wien nur
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    mit ihrem Tode verlassen. Ich aber zitterte vor dem Gedanken, die hochbejahrte und fast ihres Augen-Hchts beraubte Frau allein unter Dienstboten zu lassen; denn das wußte ich im voraus, daß einen ihrer Entschlüsse zu beugen oder zu ändern, ein fruchtloses Unternehmen sein würde. Da half mir Gottes Fügung durch Graf Mittrowskys Dazwischentreten.

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