Denkwürdigkeiten aus meinem Leben [microform]
Ruhe, ja in einer Heiterkeit des Geistes, die uns allen, welche nach dem Ausspruche der Ärzte nur an einen von diesen zwei Ausgängen — nämlich an den traurigen glauben konnten, unendlich schmerzlich war, indem wir in diesem heldenmütigen Betragen des Kranken einen neuen Beweis seiner edlen Denkajt und seines kräftigen Geistes erkannten. Mit frommer Erhebung wünschte er meinem Manne zu seinem Festtage Glück, ermahnte uns beide zu unseren gegenseitigen Pflichten, und sprach von der baldigen Wiedervereinigung mit seiner Marie, der er in dem Fall, daß er nicht genesen sollte, mit Freuden entgegen sah.
So verging dieser Tag in schmerzlicher und doch er-hebender Stimmung; aber ihm folgten bald traurigere. Das Übel nahm zu, die Kräfte des Kranken schwanden sichtlich. Seine Geduld, seine Geistesruhe blieben die-selben, und selbst seine Heiterkeit zeigte sich manch-mal, wenn an einem Tage, wo die Schmerzen nicht gar zu heftig waren, die Freunde sich um sein Bett sammel-ten, und lebhafte Gespräche oder ein gesellschaftliches Spiel ihn zu zerstreuen fähig war. In den einsameren Stunden war ich, so viel es meine häuslichen Verrich-tungen zuließen, bei ihm, ich, las ihm vieles vor, unter anderm auch Gibbons Geschichte vom Verfall des Rö-mischen Reiches *2^). Allmählich aber sanken seine Kräfte so sehr, daß er sich jenes Vergnügen, die Gesellschaft bei sich zu sehen, versagen mußte, und nur einzelne durften dann und wann ihn besuchen oder wir spielten an seinem Bette ein Kartenspiel, und er dirigierte das meinige, da ich ohnedies jedes solche Spiel sehr schlecht spielte. Bald war er auch dieser armen Erholung nicht mehr fähig, und die Lektüre blieb seine einzige Zer-
Streuung. Gibbon interessierte ihn' sehr, und mit einer bewundernswürdigen Aufmerksamkeit und Geiste^-ruhe ließ er sich von mir die d'Anvilleschen Landkarten der alten Welt*^**) vor sein Bette bringen, suchte die vor-kommenden Orte auf denselben, zeigte sie mir, und ich mag wohl sagen, unterrichtete mich auf seinem Todbette mit eben der Klarheit und Ruhe der Seele, mit welcher er früher bei jede;r Gelegenheit gehandelt hatte. /^
Mich empörte indessen die Art, wie Gibbon sich über die christliche Religion in jenem, übrigens berühm-ten Werke äußert, aufs Tiefste, und ich sammelte schon damals die Ideen, Ansichten und Beweggründe für das Christentum im Gegensatz des Polytheismus, die ich später im Agathokles verarbeitete*^^).
Es vergingen zwei und endlich drei Monate auf die-selbe stille und schmerzliche Art. Mit düsterer Ge-wißheit sahen wir, wenn wir alles recht erwogen und die Aussprüche der Ärzte bedachten, dem Augenblicke entgegen, der dies achtungswürdige Leben endigen, und einem Geiste, welcher inmitten schmerzlicher Lei-den alle seine Würde und Kraft bewiesen hatte, die Freiheit geben würde, sich zu seinem Schöpfer aufzu-schwingen. Mein Bruder hatte auch mit der Ruhe und Besonnenheit, als wenn es jemand andern beträfe, alle Anordnungen für diesen Fall gemacht und mir über-geben. Ich wußte seine Andenken an seine Freunde, was ich jedem zu geben, zu senden hatte, die Anord-nungen über sein Vermögen waren getroffen — ich zwar zu seiner Erbin ernannt, aber er hatte die Jugend-freunde, die er in beschränkten Verhältnissen wußte, so großmütig bedacht, als es der Umfang seines Ver-mögens erlaubte, und gewiß auch keines von seinen
Dienstleuten vergessen, welches er einer Unterstützung oder auch nur eines Andenkens wert hielt *^^). Dennoch, so nahe mir die Vorstellung seines Verlustes dadurch in manchen Augenblicken gerückt wurde, war doch die Hoffnung, diese unermüdliche Gefährtin des Sterb-lichen, nie ganz in meinem Herzen zu vertilgen, und wenn wieder, wie öfters geschah, ein paar bessere Tage eintraten, die Schmerzen ausblieben und sein Geist sich mit besonderer Heiterkeit erhob, ja dann erhoben sich auch die Möglichkeiten, daß das Übel von der un-verdorbenen Körperkraft des jungen Mannes dennoch besiegt werden, und eine, wenn auch langsame Gene-sung eintreten könne, wieder in meiner Seele, sie wur-den zu Wahrscheinlichkeiten, und ich glaubte an das Glück, den trefflichen Bruder zu behalten. Diese hellere Aussicht schloß sich indes nach ein paar Tagen wieder, wie die Schmerzen und übrigen bösen Sym-ptome wieder eintraten, die Hoffnung wurde aufge-geben, und dennoch abermals nach einiger Zeit ge-faßt, um neuerdings verloren zu werden, bis endlich mit dem Anfange des Märzmonates tägliche
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