Der Abschiedsstein: Das Geheimnis Der Grossen Schwerter 2
boten die Hernystiri ihren unsterblichen Verbündeten die Früchte der Erde – nachtschwarzen Onyx, Ilenit und schimmernden Opal, Saphir, Zinnober und weiches, glänzendes Gold, mühsam geschürft in den tausend Tunneln des Grianspog-Gebirges.
Längst gab es keine Sithi mehr. Soweit die meisten Menschen wussten – wenn es sie überhaupt kümmerte –, waren sie gänzlich von der Erde verschwunden. Manche Hernystiri wussten es besser. Jahrhunderte war es her, dass die Schönen aus ihrer Burg Asu’a geflohen waren und die letzte der Neun Städte, zu denen Sterblichen der Zugang erlaubt war, verlassen hatten. Die meisten Menschen hatten die Sithi vollständig vergessen oder sahen sie nur durch das Zerrbild des Schleiers alter Geschichten. Doch unter den Hernystiri, die einoffenherziges und dennoch verschwiegenes und geheimnisvolles Volk waren, lebten noch immer solche, die die dunklen Höhlen kannten, von denen der Grianspog durchzogen war, und sich erinnerten.
Eolair hatte für Höhlen nicht sonderlich viel übrig. Er hatte seine Kindheit im Grasland verbracht, auf den Wiesen des westlichen Hernystir, dort, wo die Flüsse Inniscrich und Cuimnhe ineinander mündeten. Als Graf von Nad Mullach hatte er später über dieses Gebiet geherrscht, war dann im Auftrag seines Königs Lluth-ubh-Llythinn in alle großen Städte und an die Höfe von Osten Ard gereist und hatte im Licht unzähliger Lampen und unter dem Himmel sämtlicher Länder die Interessen Hernystirs vertreten.
Darum war er, obwohl niemand seine Tapferkeit in Frage stellte und obwohl sein Eid an König Lluth bedeutete, dass er Lluths Tochter Maegwin bis in die Flammen der Vernichtung folgen würde, wenn das seine Pflicht war, wenig erbaut darüber, dass er und sein Volk nun tief im Fels des mächtigen Grianspog leben sollten.
»Bagba, beiß mich!«, fluchte Eolair. Ein brennender Pechtropfen war auf seinen Ärmel gefallen und hatte, bis er ihn gelöscht hatte, noch Zeit gefunden, ihm durch den dünnen Stoff den Arm zu versengen. Die Fackel flackerte bereits und würde bald ausgehen. Er überlegte, ob er die zweite anstecken sollte. Aber das würde bedeuten, dass es Zeit zum Umkehren war, und dazu war er noch nicht bereit. Kurze Zeit erwog er das Risiko, ohne Licht in einem unbekannten Tunnel tief in den Eingeweiden der Erde festzusitzen, und fluchte dann noch einmal leise vor sich hin. Wenn er nicht so ein übereifriger Dummkopf gewesen wäre, hätte er vielleicht daran gedacht, seine Feuersteine mitzunehmen. Solche Fehler machte Eolair nicht gern. Wenn man zu viele derart offensichtliche Irrtümer beging, würde einen das Glück schließlich einmal im Stich lassen.
Als er seinen Ärmel gelöscht hatte, wandte er seine Aufmerksamkeit wieder der Stelle zu, an der sich der Tunnel gabelte, und spähte in der eitlen Hoffnung, etwas zu finden, das ihm die Entscheidung erleichtern würde, welche Richtung er einschlagen sollte, am Boden umher. Er sah jedoch nichts und stieß ein ärgerliches Zischen aus.
»Maegwin!«, rief er und hörte seine Stimme durch die Finsternis dahinrollen und in den Tunneln widerhallen. »Herrin, wo seid Ihr?«
Das Echo verklang. Eolair stand schweigend da, die sterbende Fackel in der Hand, und fragte sich, was er jetzt tun sollte.
Ihm war peinlich bewusst, dass Maegwin sich in diesem unterirdischen Labyrinth weit besser auskannte als er, sodass seine Sorge um sie vielleicht ganz unbegründet war. Sicher lebten in dieser Tiefe weder Bären noch andere Tiere, sonst hätten sie sich längst gezeigt. Die armseligen Reste der Bürger von Hernysadharc hausten nun schon zwei Wochen in den Tiefen des Berges und bauten in den Gebeinen der Erde eine neue Heimat für ihr Volk. Aber hier unten gab es andere Dinge als wilde Tiere, vor denen man sich fürchten musste; Eolair konnte nicht einfach so tun, als bestehe keinerlei Gefahr. Auf den Gebirgshöhen wanderten seltsame Wesen herum, und überall im Land waren Menschen auf geheimnisvolle Weise zu Tode gekommen oder verschwunden, lange bevor auf König Elias’ Geheiß Skali von Kaldskrykes Heer einfiel, um die rebellischen Hernystiri niederzuwerfen.
Auch andere, alltäglichere Gefahren warteten auf sie. Maegwin konnte stürzen und sich ein Bein brechen oder in einen unterirdischen Fluss oder See fallen. Vielleicht überschätzte sie auch ihre Kenntnis der Höhlen und irrte ohne Licht umher, bis sie verhungerte.
Nein, ihm blieb nichts anderes übrig, als weiterzugehen. Er würde noch ein
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