Der Abschiedsstein: Das Geheimnis Der Grossen Schwerter 2
kreuzenden Gängen auf den Hauptgang einschwenkten und ineinanderflossen wie Schwärme von farblosen Fischen, die eine Strömung in den Speisesaal trieb.
Vor den breiten Türen der Halle staute sich die Masse. Während Isgrimnur und seine neuen Begleiter sich unter die vorwärtsdrängende Menge mischten, stellte Septes dem Herzog eine Frage, die Isgrimnur jedoch im lauten Stimmengewirr nicht verstehen konnte. Der alte Mann reckte sich auf die Zehen und sprach in sein Ohr.
»Ich habe gesagt: Wie stehen die Dinge im Norden?« Septes schrie beinahe. »Wir haben hier Schreckliches gehört: Hungersnot, Wölfe, tödliche Schneestürme.«
Isgrimnur nickte stirnrunzelnd. »Es steht äußerst schlecht«, rief er zurück. Im selben Augenblick schoss er mit den anderen durch die Tür wie ein Pfropfen aus einem Flaschenhals und stand nun im Gewimmel des Speisesaals. Das Brausen der Gespräche darin war so gewaltig, dass es fast die Dachbalken erbeben ließ.
»Ich dachte, die Sitte verlange Schweigen bei den Mahlzeiten?«, schrie Isgrimnur. So wie der Herzog starrten auch Septes’ junge Begleiter glotzäugig auf die zahllosen Tische, die aneinandergestellt den großen Raum füllten. Sie standen in einigen Reihen, und jeder Tisch in jeder Reihe war voll von den gebeugten Rücken der mit Kutten bekleideten Männer – die geschorenen Köpfe sahen aus wie die Fingernägel eines hunderthändigen Riesen. Alle schienen in lauter Unterhaltung mit ihren Nachbarn begriffen. Einige wedelten Aufmerksamkeit heischend mit den Löffeln. Der Lärm glich dem Rauschen des Meeres an Nabbans Küsten.
Septes lachte. Der Laut ging im großen Brausen unter. Wieder stellte er sich auf die Zehen. »Wir schweigen zu Hause in unserem Kloster und in vielen anderen Klöstern, wie ihr es zweifellos bei euch in Rimmersgard auch tut, ja? Aber hier in der Sancellanischen Ädonitis wohnen diejenigen, die Gottes Geschäfte führen; sie müssen sprechen und zuhören wie Kaufleute.«
»Die um den Preis von Seelen schachern?« Isgrimnur grinste säuerlich, aber der Alte hatte ihn nicht gehört.
»Wenn du es lieber still hast«, brüllte Septes, »solltest du hinunter in die Archive gehen. Dort ist es totenstill, und ein Flüstern hört sich an wie ein Donnerschlag. Komm jetzt! Drüben an der Tür gibt es Brot und Suppe, und dann kannst du mir mehr über die Ereignisse im Norden berichten, ja?«
Isgrimnur gab sich Mühe, dem alten Mann beim Essen nicht zuzuschauen, aber es war schwierig. Wegen seiner Hasenscharte kleckerte Septes ständig mit der Suppe, und bald lief ihm ein Suppenbächlein vorn über das Gewand hinunter.
»Verzeih mir«, bat der Alte endlich und mümmelte an einem Brotkanten. Allzu viele Zähne schien er auch nicht mehr zu besitzen. »Ich habe dich nicht nach deinem Namen gefragt. Wie heißt du?«
»Isbeorn«, antwortete der Herzog. Es war der Name seines Vaters und ziemlich häufig.
»Aha, Isbeorn. Nun, ich bin Septes … aber das habe ich dir wohl schon erzählt, ja? Sag uns doch mehr von dem, was im Norden vorgeht. Auch das ist für mich ein Grund, nach Nabban zu reisen: die Neuigkeiten, die wir im Seenland sonst nicht erfahren.«
Isgrimnur berichtete ihm einiges von den Ereignissen nördlich der Frostmark, von den tödlichen Stürmen, den bösen Zeiten. Er würgte den bitteren Geschmack hinunter und erzählte, wie Skali von Kaldskryke in Elvritshalla die Macht an sich gerissen hatte, und von der Verwüstung und dem Brudermord zwischen den Sippen, die darauf gefolgt waren.
»Wir haben gehört, man hätte Herzog Isgrimnur des Verrates am Hochkönig überführt«, meinte Septes und wischte mit einer Brotkruste den Rest Suppe aus der Schale. »Reisende berichteten uns, Elias habe herausgefunden, dass der Herzog sich mit Josua, dem Bruder des Königs, verbündet hätte, um den Thron an sich zu bringen.«
»Das ist eine Lüge!«, rief der Herzog zornig und schlug mit der Faust auf den Tisch, dass die Schale des jungen Neylin um ein Haar umgekippt wäre. Überall drehten sich Köpfe.
Septes zog die Brauen hoch. »Vergib uns«, meinte er, »denn wir geben nur Gerüchte wieder, die uns zu Ohren gekommen sind. Vielleicht haben wir etwas berührt, das für dich schmerzlich ist. War Isgrimnur ein Schutzherr deines Ordens?«
»Herzog Isgrimnur ist ein ehrlicher Mann«, entgegnete der Herzog und verfluchte sich, dass ihm das Temperament durchgegangen war. »Ich mag es nicht, wenn man ihn verleumdet.«
»Natürlich.« Septes sprach beruhigend
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