Der Abschiedsstein: Das Geheimnis Der Grossen Schwerter 2
Im Süden, hinter Meilen von Marschland und Sumpfwäldern, konnte Tiamak den dunklen Strich des Nascadugebirges erkennen. Im Westen, verborgen von einer endlosen Prärie aus Kolbenrohr und Mangroven, lag das Meer.
Zerstreut stakte Tiamak weiter, ganz in den Gedanken an eine Korrektur versunken, die er an seinem großen, wissenschaftlichen Werk vornehmen wollte, der Neubearbeitung von Die unfelbarn Heylmittel der Wranna-Heyler. Ihm war urplötzlich die Erkenntnis gekommen, dass die Form des Kolbenrohrs etwas mit der Tatsache zu tun haben konnte, dass die Männer der Wiesen-Thrithinge sich daraus ihren Hochzeitstrank brauten; und er erwog die Abfassung einer Fußnote, die diesen Zusammenhang diskret andeuten sollte, ohne besserwisserisch zu erscheinen. Auf einmal spürte er ein seltsames Vibrieren im Rücken. Erschrocken fuhr er herum und sah, dass die Angelschnur straft gespannt war und summte wie eine gezupfte Lautensaite.
Einen Augenblick war er überzeugt, dass die Leine sich verhakt hatte. Der Zug war so stark, dass die Spannung sich auf das Heck übertrug. Als er sich vorbeugte, gewahrte er etwas Silbergraues, das kurz nach oben kam, sich wand und dann wieder ins Brackwasser hinuntertauchte. Ein Fisch! So lang wie Tiamaks Arm! Er stieß einen kleinen Freudenschrei aus und machte sich daran, die Leine einzuholen. Das silbrige Wesen schien ihm entgegenzuspringen. Für den Bruchteil einer Sekunde tauchte eine bleiche, glänzende Flosse aus dem Wasser auf und verschwand dann unter dem Boot. Die Leine straffte sich. Tiamak zog, und sie gab ein Stück nach, jedoch nicht viel. Der Fisch war stark. Die Vorstellung, die Schnur könnte reißenund das Essen für zwei Tage fortschwimmen, erfüllte Tiamaks Herz jäh mit einem solchen Grauen, dass ihm übel wurde. Er ließ die Leine wieder locker. Der Fisch sollte sich müde zerren, damit er dann in Ruhe herausgezogen werden konnte. Inzwischen wollte Tiamak die Augen nach einem trockenen Fleck offenhalten, an dem man auch ein Feuer anzünden konnte. Er würde den Fisch in Minog-Blätter wickeln, und bestimmt wuchs auch irgendwo in der Nähe wildes Schnellkraut … In Gedanken schmeckte er es bereits. Die Hitze, das unwillige Gewitter, sein Verrat an Morgenes – denn so kam es ihm immer noch vor – und alles andere wichen dem warmen Glühen der erhofften Mahlzeit. Wieder prüfte er die Schnur und stellte begeistert fest, dass der Zug weiterhin kräftig und stetig war. Seit Wochen hatte er keinen frischen Fisch mehr gegessen.
Ein Aufspritzen unterbrach seine Träume. Tiamak blickte auf und bemerkte einige Bogen kleiner Wellen, die sich vom Ufer her ausbreiteten, ein paar Steinwürfe von ihm entfernt. Aber da war noch etwas. Gleich darauf erspähte er eine Reihe flacher Buckel wie ganz kleine Inseln, die sich geschmeidig durch das Wasser auf sein Boot zubewegten.
Ein Krokodil! Tiamak blieb das Herz stehen. Sein köstliches Abendessen! Er zerrte an der Schnur, aber der Fisch schwamm noch immer unter dem Flachboot und leistete heftigen Widerstand. Die Schnur verbrannte Tiamaks Handflächen, während er sich vergeblich abmühte, seine Beute an die Oberfläche zu zwingen. Das Krokodil war nun ein dunkler Schatten dicht unter dem Wasserspiegel. Mit seinem kräftigen Schwanz erzeugte es Wirbel im stillen Gewässer. Einen kurzen Augenblick hob sich der schrundige Rücken aus den Fluten, hundert Ellen von Tiamak entfernt, dann war das Krokodil wieder verschwunden. Es tauchte – nach seinem Fisch!
Keine Zeit mehr zum Nachdenken – überhaupt keine Zeit. Sein Abendessen, sein Angelhaken, seine Leine – alles verloren, wenn er auch nur einen Augenblick länger wartete. Tiamak fühlte in seinem leeren Magen eine lodernde schwarze Wut aufsteigen, und ein enger, schmerzhafter Ring legte sich um seine Schläfen. Hätte seine Mutter ihn in dieser Sekunde erblickt, sie würde ihren schüchternen, tolpatschigen Sohn nicht wiedererkannt haben. Hätte sie dannnoch gesehen, was er als Nächstes tat, wäre sie zum Schrein von Ihr-die-die-Menschheit-gebar an der Rückwand der Familienhütte getaumelt und dort in tiefe Ohnmacht gesunken.
Tiamak wickelte sich die am Griff seines Messers befestigte Schnur mehrfach um das Handgelenk und schnellte vom Bootsheck ins Wasser. Außer sich vor Wut und Verzweiflung murmelte er unartikulierte Laute vor sich hin, schloss dann aber den Mund, bevor die grünen, trüben Fluten über seinem Kopf zusammenschlugen. Vorher hatte er noch einmal hastig Atem
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