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Der amerikanische Architekt

Der amerikanische Architekt

Titel: Der amerikanische Architekt Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Amy Waldman
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Bei Sonnenaufgang würde der Ruf zum Gebet über sie hinweghallen. Inams Mutter würde aufstehen, um Tee für seinen Vater zu machen, aber wahrscheinlicher war, dass Asma den Tee für die beiden machen würde, während sie auf den Hahnenschrei lauschte, auf die Rikschas, und zur Zeit des Monsums auf das Trommeln des Regens, wie tanzende Füße auf dem Dach.
    Hier hörte sie nur ein gelegentliches Auto und ihren eigenen Atem: ein, aus, ein, aus. Sie konzentrierte sich darauf, bis sie nur noch Atem war, bis sie das Gefühl hatte, einfach davonschweben zu können. Nur noch ihre Knochen hielten sie hier fest, verankerten sie an diesem Ort. Sie und den Jungen, der neben ihr lag. Sein Atem – leiser, flacher – war auch zu hören. Ein paar Sekunden lang hielt sie die Luft an, ließ den Klagegesang ihres eigenen Lebens verstummen, um das Lied seines Lebens hören zu können.
    Sie hatte fast fertig gepackt. Sie musste nur noch ein paar Kleinigkeiten und Abduls Spielsachen in der Bordtasche verstauen. Ihre Koffer und Kisten standen neben der Tür. Die teuren neuen Töpfe und Pfannen. Der Fernseher und der DVD -Player und die Videokamera. Sie hatte versucht, ein ganzes Land, die Idee eines ganzen Landes, in ihrem Gepäck unterzubringen: Schuhe von Nike, T-Shirts mit Aufdrucken von Disneyland und dem Weißen Haus und vielen anderen Orten, an denen sie nie gewesen war, Hochglanzzeitschriften und amerikanische Flaggen, Geschichtsbücher, Informationsbroschüren für Touristen. U-Bahn-Tickets, die sie nie benutzen würde, Kinderbücher, die sie nicht lesen konnte. DVD s von amerikanischen Filmen und Fernsehshows, obwohl die Raubkopien in Bangladesch billiger waren. So wie ihre Landsleute hier ein kleines Bangladesch geschaffen hatten, würde sie, wieder zu Hause, für Abdul und sich ein kleines Amerika schaffen.
    Zu gehen war ihre eigene Entscheidung, irgendwie aber auch nicht. In den Tagen, nachdem ihr illegaler Status bekannt geworden war, hatten Politiker die Stimmung der Öffentlichkeit aufgepeitscht, die Angst geschürt vor den zahllosen nicht erfassten Muslimen aus Bangladesch, die es in New York gab, angefangen bei Asmas totem Ehemann. »Auch wenn niemand sonst es tut, ich stelle die Frage«, hatte Lou Sarge in seiner Sendung gezetert: »Was hat ihr Mann in den Türmen gewollt?« Die Gouverneurin führte die Attacke noch weiter: »Ich fühle mit Asma Anwar, aber sie stellt ein ernsthaftes Problem dar. Wenn wir nicht aufpassen, wer durch unsere Türen kommt, sterben Tausende von Amerikanern. Solange ich diesen Staat leite, werde ich nicht zulassen, dass so etwas noch einmal geschieht.« Sie verlangte, dass die Bundesregierung die Gemeinde der Bangladescher nach Illegalen und terroristischen Verbindungen durchkämmte.
    »In der Nachbarwohnung, in der Wohnung direkt über dir, überall leben Illegale«, sagte Nasruddin. »Das halbe Haus könnte ausgewiesen werden. Das halbe Viertel.« Die Nachbarn redeten über sie, gaben ihr die Schuld, sagten, Asma hätte nur an sich und an niemand sonst gedacht. Die Gemeinschaft würde bluten, nur damit sie ihren Stolz nähren konnte. Wegen ihr wurden Bangladescher mit Pakistanis in einen Topf geworfen, wurden ebenso wie diese als Bedrohung gesehen. In Laila Fathi hatte Asma eine gute Anwältin, und dazu noch hatte sie die Sympathien der Öffentlichkeit: Sie würde ihren Fall wahrscheinlich gewinnen. Nicht so die vielen anderen, die wegen ihr ins Fadenkreuz geraten waren. Vielleicht, hatte sie irgendwann angefangen zu denken, würde der Druck auf die anderen nachlassen, wenn sie ging.
    Ihre endgültige Entscheidung fiel, als die Post triumphierend verkündete, dass sie von der Regierung eine Million Dollar als Entschädigung erhalten hatte. Die Mahmouds waren außer sich, weil sie ihre Großzügigkeit ausgenutzt und nur 50 Dollar im Monat für ihr Zimmer bezahlt hatte. Asma wusste, dass es Mrs Mahmoud weniger um das Geld als vielmehr darum ging, dass sie diese sensationelle Neuigkeit in ihrer eigenen Wohnung nicht mitbekommen hatte. Hatte sie denn nichts von Abduls neuen Spielsachen und Asmas stolzgeschwellter Brust bemerkt, spotteten die Leute, als sei Stolz eine körperliche Veränderung. Mrs Mahmouds Beobachtungsgabe wurde in Frage gestellt. Mr Mahmoud verkündete, Asma müsse sich eine neue Bleibe suchen. Aber wer in Kensington, oder auch in Jackson Heights, oder in irgendeinem anderen Viertel, in dem Landsleute lebten, würde sie haben wollen? Alle waren entweder wütend auf

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