Der Azteke
den Palästen kennengelernt hatte. Im Schwitzbad nebenan hatte die Sklavin Türkis bereits die Steine erhitzt und ausgelegt, und, nachdem ich mein erstes Bad genommen hatte, goß sie Wasser darüber, um Dampf aufsteigen zu lassen. Ich schwitzte eine ganze Weile und kehrte dann ins Badebecken zurück, bis ich überzeugt war, sämtlichen Staub und Schmutz und Gestank der Reise aus meinen Poren herausgeschwitzt zu haben.
Als ich dann nackt durch die Verbindungstür in die Schlafkammer trat, fand ich Zyanya gleichfalls nackt und einladend rücklings auf den weichen Decken liegen. Der Raum war nur matt durch die Glut in einem Kohlebecken erleuchtet, doch schimmerte dieses wenige Licht auf dem weißen Blitz in ihrem Haar und ließ ihre aufgerichteten Brüste erkennen. Jede von ihnen bildete einen wunderschönen, ebenmäßigen Hügel, auf dem der kleinere Hügel ihrer Brustwarzen saß, genauso wie die Umrisse des Popocatépetl, die ihr hier durch das Fenster seht, ehrwürdige Patres: ein Kegel auf einem Kegel. Nein, selbstverständlich muß ich euch nicht unbedingt mit derlei Einzelheiten beglücken. Ich erkläre nur, warum mein Atem sich unversehens beschleunigte, als ich auf Zyanya zuging, und warum ich nur wenige Worte sprach.
»Béu lebt. Es gibt andere Neuigkeiten, doch die können warten.«
»Dann laß sie warten«, sagte sie, lächelte und griff nach jenem Teil, welcher sich ihr am mächtigsten entgegenreckte.
Folglich verging etliches an Zeit, ehe ich ihr von Béu Ribé erzählte: daß sie lebe und in Sicherheit sei, nur freilich schrecklich unglücklich. Ich war froh, daß wir uns erst geliebt hatten, versetzte das Zyanya doch in die gewohnte angenehme und befriedigte Verfassung, welche, wie ich hoffe, den Worten, die ich sagen mußte, etwas von ihrer Härte nahmen. Ich berichtete also von Béus unglücklichem Treffen mit dem Mexícatl von Rang und bemühte mich, es – wie Béu selbst es ja auch getan – mehr als Farce denn als Tragödie hinzustellen.
Ich schloß: »Ich glaube, es ist ihr eigensinniger Stolz, der sie dort bleiben und die Herberge weiterführen läßt. Sie ist entschlossen, einfach nicht zur Kenntnis zu nehmen, was die Leute in der Stadt von ihr denken, ob sie nun Mitleid mit ihr haben oder sie für geschändet halten. Sie will Tecuantépec um eines besseren Lebens willen auf keinen Fall verlassen; man könnte ja denken, daß sie schließlich doch schwach geworden ist.«
»Arme Béu«, murmelte Zyanya. »Gibt es wirklich nichts, was wir tun könnten?«
Ich ließ nichts von meiner eigenen Meinung über die »arme« Béu verlauten, überlegte eine Weile und sagte dann: »Mir fällt nichts anderes ein, als daß dir ein Unglück zustoßen müßte. Wenn ihre einzige Schwester verzweifelt auf sie angewiesen wäre, dann – glaube ich – würde sie kommen. Aber laß uns die Götter nicht in Versuchung führen oder herausfordern. Laß uns nicht über Unglück reden.«
Als Ahuítzotl mich am nächsten Tag in seinem beklemmenden Thronsaal empfing, erzählte ich ihm dieselbe Geschichte, die ich mir zurechtgelegt hatte: ich sei nach Tecuantépec gezogen, um festzustellen, daß der Schwester meiner Frau bei der Plünderung und Brandschatzung auch nichts zugestoßen sei, und da ich schon einmal soweit gekommen sei, hätte ich die Gelegenheit wahrgenommen, weiter nach Süden vorzustoßen und noch einige von den Zauberkristallen zu holen. Abermals machte ich ihm umständlich eines zum Geschenk, wofür er sich ohne große Begeisterung bedankte. Dann jedoch, ehe ich ein Thema zur Sprache brachte, bei dem ihm, wie ich erwartete, vor Wut die Augen aus dem Kopf quellen und sein Zorn angeheizt werden würde, berichtete ich ihm etwas, was mir geeignet schien, ihn in eine gute Laune zu versetzen.
»Meine Reisen, Verehrter Sprecher, haben mich auch in das Küstenland Xoconóchco geführt, woher wir den größten Teil unserer Baumwolle und unseres Salzes beziehen. Dabei habe ich zwei Tage unter den Mame verbracht, in ihrem Hauptdorf, Pijijia, wo ihre Ältesten mich baten, an ihrer Ratssitzung teilzunehmen. Sie baten mich, dem Uey-Tlatoáni der Mexíca
eine Botschaft zu überbringen.«
Zuerst sagte er gleichgültig: »Laß hören!«
»Zunächst müßt Ihr wissen, Hoher Gebieter, daß Xoconóchco nicht von einem Volk bewohnt wird, sondern daß es sich um ein riesiges, fruchtbares Land handelt, in dem verschiedene Stämme leben: die Mame, die Mixe, die Comitéca und noch kleinere Stämme. Ihre Gebiete gehen alle
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