Der Azteke
außerdem noch einen männlichen Sklaven, welcher sich um den Dachgarten kümmern, Botengänge für mich erledigen und dergleichen tun sollte. Folglich erwarben wir einen nicht mehr ganz jungen, aber immer noch sehr drahtigen, in der großsprecherischen Weise der Tlacótli-Klasse Citláli-Cuicáni oder Stern Sänger genannten Mann und außerdem ein junges Hausmädchen, das ganz im Gegensatz zu den sonstigen Gepflogenheiten der Sklaven Quequelmiqui hieß, was nichts weiter bedeutete als Kitzlig. Vielleicht hat sie diesen Namen erhalten, da sie häufig ohne erkennbaren Anlaß kicherte.
Alle drei – Türkis, Stern Sänger und Kitzlig – wurden von uns sogleich in der neuen Schule angemeldet, die mein junger Freund Cozcatl aufgemacht hatte, und sollten dort jede freie Stunde verbringen. Cozcatls höchster Ehrgeiz in der Zeit, da er selbst ein Kindersklave gewesen war, hatte darin bestanden, sich jene Fertigkeiten anzueignen, welche ihn instand setzen würden, dermaleinst in einem adeligen Haus den höchsten Posten einzunehmen, den eines Beschließers. Freilich war er bereits weit über all dies hinausgewachsen und besaß ein schönes eigenes Haus sowie ein ansehnliches Vermögen. Infolgedessen hatte Cozcatl sein Haus in eine Schule zur Ausbildung von Dienern umgewandelt. Das heißt, einer Schule, sie zu den besten Dienern auszubilden, die man sich vorstellen konnte.
Voller Stolz erklärte er mir: »Ich habe selbstverständlich Fachleute unter Vertrag genommen, den Schülern die Grundlagen beizubringen – Kochen, Gärtnern, Sticken, alles, worin ein Schüler wünschen könnte, sich auszuzeichnen. Ich selbst bringe ihm die vollendeten Umgangsformen bei, welche er sich sonst nur durch lange Erfahrung anzueignen imstande wäre. Da ich selbst in zwei Palästen gearbeitet habe, richten meine Schüler sich gern nach dem, was ich ihnen beibringe, obwohl die meisten von ihnen viel älter sind als ich selbst.«
»Vollendete Umgangsformen?« fragte ich. »Für das niedere Gesinde?«
»Damit sie eben nicht mehr nur niederes Gesinde sind, sondern wertvolle und geachtete Haushaltsmitglieder. Ich lehre sie, wie sie sich würdevoll zu betragen haben, statt sich der üblichen kriecherischen Unterwürfigkeit zu befleißigen. Wie sie ihren Herren den Wunsch von den Augen ablesen, ehe er auch nur geäußert wird. So lernt ein Diener zum Beispiel, für seinen Herrn stets eine gestopfte Poquietl bereitzuhalten. Eine Haushälterin lernt ihre Herrin zu beraten, welche Blumen im Garten im Begriff stehen zu blühen, damit die Dame im voraus den Blumenschmuck in ihren Räumen planen kann.«
Ich sagte: »Aber ein Sklave kann doch ganz gewiß nicht das Schulgeld für eine solche Ausbildung aufbringen.«
»Nun, da hast du recht«, gab er zu. »Im Augenblick stehen alle meine Schüler bereits in irgendeinem Haus in Dienst, wie deine drei auch, und das Schulgeld wird von ihren Herrn bezahlt. Aber die Ausbildung bei mir erhöht ihre Brauchbarkeit und ihren Wert, so daß sie in den Häusern, in denen sie arbeiten, bald aufsteigen – oder mit Gewinn verkauft werden –, was immerhin bedeutet, daß sie ersetzt werden müssen. Ich bin überzeugt, daß Schüler von mir bald sehr gefragt sein werden. Irgendwann einmal werde ich in der Lage sein, Sklaven auf dem freien Markt zu kaufen, sie auszubilden und einen Anteil von dem Lohn einzufordern, welchen sie erhalten.«
Ich nickte und sagte: »Das wird gut sein für sie, für ihre Arbeitgeber und für dich. Ein sehr glücklicher Einfall, Cozcatl. Du hast dir nicht nur einen Platz in der Welt geschaffen, sondern sogar eine eigene, ganz neue Nische, für die wirklich niemand besser geeignet ist als du selbst.«
Bescheiden erklärte er: »Wärest du nicht gewesen, ich hätte es nicht fertiggebracht, Mixtli. Wären wir nicht zusammen auf Abenteuer ausgegangen, würde ich mich vermutlich heute noch in irgendeinem Texcócoer Palast plagen. Ich verdanke all mein Glück jenem Tonáli – ob es nun deines war oder meines –, welches unser Leben miteinander verknüpft hat.«
Und ich auch, dachte ich, als ich nachdenklich heimging; auch ich verdankte viel einem Tonáli, das ich einst als launisch, wo nicht gar als bösartig verflucht hatte. Es hatte mir Kummer, Verlust und Unglück gebracht. Aber es hatte mich auch zu einem Mann von Vermögen gemacht, einem Mann von beträchtlichem Reichtum, einem Mann, der hoch über das aufgestiegen war, was ihm von Geburt an bestimmt schien, einem Mann, welcher die
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