Der Azteke
Fernhändler; der eine oder andere von Blut Schwelgers alten Waffengefährten, die mir geholfen hatten, den Purpurschatz zu heben. Darüber hinaus machten wir jedoch auch Bekanntschaft mit unseren den höheren Klassen angehörenden Nachbarn aus dem Ixacuálco-Viertel, in dem wir wohnten, und mit den Edelleuten, welche wir bei Hofe kennenlernten – insbesondere einer Reihe von Edelfrauen, welche sich von Zyanyas Charme bestricken ließen. Eine von ihnen war die Erste Dame von Tenochtítlan, also Ahuítzotls Erste Gemahlin. Wenn sie uns besuchen kam, brachte sie des öfteren ihren ältesten Sohn Cuautémoc, Rauschender Adler, mit, also jenen jungen Herrn, welcher als der wahrscheinlichste Nachfolger auf dem Thron seines Vaters galt. Wiewohl die Erbfolge bei den Mexíca nicht ausschließlich durch die männliche Linie bestimmt war wie bei einigen anderen Völkern, wurde der älteste Sohn beim Tod eines Uey-Tlatoáni, welcher keinen Bruder hinterließ, der ihm nachfolgen könnte, im Staatsrat stets als erster Anwärter auf die Nachfolge betrachtet. Infolgedessen begegneten Zyanya und ich Cuautémoctzin und seiner Mutter mit ausgesuchter Ehrerbietung; es kann nicht schaden, wenn man auf gutem Fuß mit jemand steht, der vielleicht einmal Verehrter Sprecher werden könnte.
In diesen Jahren machte von Zeit zu Zeit ein Bote der Krieger oder der Träger eines Pochtécatl aus dem Süden einen Abstecher zu unserem Haus, um uns eine Nachricht von Béu Ribé zu überbringen. Die Nachrichten lauteten unverändert gleich: sie sei immer noch unverheiratet, Tecuantépec immer noch Tecuantépec, die Herberge blühe und gedeihe, ja, tue das jetzt, wo der Verkehr von und nach Xoconóchco immer größer wurde, womöglich noch mehr als zuvor. Trotzdem war die gleichbleibende Kargheit dieser Neuigkeiten recht niederdrückend, da Béu nicht aus eigener Neigung, sondern aus Mangel an passenden Bewerbern unverehelicht blieb.
Und das ließ mich jedesmal an den in der Ferne fast wie in der Verbannung lebenden Motecuzóma denken, denn ich war sicher – wiewohl ich mich hütete, jemals einem Menschen, nicht einmal Zyanya gegenüber etwas von meinem Verdacht verlauten zu lassen –, daß er jener hochstehende Mexícatl mit den sonderbaren Neigungen gewesen war, welcher Béus Leben zerstört hatte. Einfach aus Treue meiner Familie gegenüber, vermute ich, hätte ich so etwas wie Erbitterung oder gar Haß auf Motecuzóma den Jüngeren empfinden müssen. Und einfach nach dem, was Béu und Ahuítzotl mir erzählt hatten, hätte ich wohl Verachtung für einen Mann haben müssen, der sich sowohl in seinem Geschlecht als auch in seinen Neigungen zum Krüppel gemacht hatte. Doch weder ich noch sonst jemand konnten leugnen, daß er als Oberbefehlshaber Treffliches leistete, als es darum ging, Xoconóchco für uns zu halten und zu erschließen.
Er stationierte seine Garnison von Kriegern praktisch und unmittelbar an der Grenze nach Quautemálan, plante und beaufsichtigte den Bau einer starken Feste, und zweifellos waren die Quiche und Lacandón in der Nachbarschaft erschrocken, als die Mauern in die Höhe wuchsen und die Patrouillen ein- und ausmarschierten. Diese Elenden unternahmen nämlich nie wieder einen Raubzug aus ihren Dschungeln heraus, sie drohten nie wieder großmäulig und ließen auch sonst keinerlei kriegerischen Ehrgeiz mehr erkennen. Sie fielen in einen Zustand zurück, der schlimmer als heruntergekommen und teilnahmslos genannt werden muß, und soweit ich weiß, verharren sie auch heute noch darin.
Eure spanischen Soldaten, die zuerst nach Xoconochco reisten, haben sich verwundert darüber geäußert, dort, so fern von Tenochtítlan, so viele Völker zu finden, die nicht mit uns verwandt sind – Mame, Mixe, Comitéca und dergleichen –, gleichwohl jedoch unsere Sprache, das Náhuatl, sprechen. Jawohl, das war das entfernteste Land, auf dem man stehen und sagen konnte: »Ich stehe auf Mexíca-Boden.« Denn das war es, trotz der Entfernung vom Herzen Der Einen Welt; vielleicht war es sogar unsere treueste Provinz, doch das beruhte zum Teil darauf, daß nach der Eingliederung in unser Reich so viele von unseren Landsleuten noch Xoconochco zogen.
Noch ehe Motecuzómas Garnison fertig war, fingen andere Neuankömmlinge an, sich dort niederzulassen und Häuser, Marktstände und einfache Herbergen, ja, sogar Freudenhäuser zu bauen. Das waren Mexíca-, Acólhua- und Tecpanéca-Einwanderer auf der Suche nach weiteren Horizonten und
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