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Der Azteke

Der Azteke

Titel: Der Azteke Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Gary Jennings
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erste, was Zyanyas Aufmerksamkeit erregte, war selbstverständlich, daß die meisten Leute hier mit glänzendem haarlosem Kopf herumliefen. Von dieser Sitte hatte ich ihr bereits erzählt, doch etwas erzählt zu bekommen, ist etwas anderes, als es mit eigenen Augen zu sehen. Bis sie sich schließlich daran gewöhnt hatte, pflegte sie jeden jungen Menschen, an dem wir vorüberkamen, anzustarren und zu murmeln: »Das ist ein Junge. Nein, ein Mädchen …« Und ich muß gestehen, daß ihre Neugier erwidert wurde. Die Purémpecha waren es gewohnt, auch ungeschorene Menschen zu sehen – fremde Reisende, Angehörige ihrer eigenen Unterschicht und vielleicht auch eigenwillige Außenseiter –, was sie jedoch noch nie gesehen hatten, war eine ausnehmend schöne Frau mit einer Fülle langen schwarzen Haares und einer sich davon abhebenden weißen Strähne darin.
    Aber es gab nicht nur Menschen zu sehen. Jener Teil von Michihuácan, durch den wir zogen, ist gebirgig, was schließlich die meisten anderen Länder auch sind; hier jedoch standen die Berge überall am Horizont und bildeten gleichsam den Rahmen für ein sonst flaches oder sanft gewelltes Land. Ein Teil dieses Gebietes ist bewaldet, manches von Wiesen mit nutzlosem, aber wunderschönem Gras und Wildblumen bedeckt. Ein großer Teil ist aber auch von ausgedehnten, eine Fülle von Feldfrüchten tragenden Ackerflächen bedeckt. Weithin dehnen sich wogende Maisfelder, Beete mit Bohnen und Chilipfeffer, Obstgärten mit Ahuácatin und noch süßeren Früchten. Hier und da standen inmitten der Felder Lehmziegelspeicher, in welchen Saatgut und die Erzeugnisse des Bodens gelagert werden – kegelförmige Rundhütten, den spitz zulaufenden Köpfen des Damenpaars nicht unähnlich.
    In jenen Landen bieten selbst die bescheidensten Bauten noch einen erfreulichen Anblick. Da dort ausgedehnte Wälder wachsen, bestanden sie zumeist aus Holz und wurden nicht mit Mörtel oder Seilen zusammengehalten, sondern mit sinnreich fest ineinanderfassenden Brettern und Bohlen. Jedes Haus weist ein hohes Spitzdach auf, welches rings um das Haus weit vorspringt, um in der heißen Jahreszeit kühlen Schatten zu spenden und in der Regenzeit das Wasser vom Haus abzuhalten; manche dieser Dächer sind so gebaut, daß ihre vier Ecken sich in lustigem Schwung nach oben wölben. Es war gerade die Zeit der Schwalben, und nirgends gibt es mehr Schwalben als in Michihuácan. Sie gleiten und schießen pfeilschnell durch die Luft – und daß es so viele davon gibt, liegt zweifellos daran, daß die ausladenden Dachüberstände ihnen so schöne Gelegenheiten zum Nisten bieten.
    Reich an Wäldern und Gewässern, ist Michihuácan die Heimat einer Fülle der verschiedensten Vögel. Auf den Flüssen spiegeln sich die leuchtend blitzenden Farben von Hähern, Fliegenschnäppern und Eisvögeln. In den Wäldern läßt der Specht sein unablässiges Hämmern vernehmen. An den seichten Uferstellen der Seen stehen große Weiß- und Blaureiher und die womöglich noch größeren Kuinko. Dieser Vogel hat einen löffe l förmigen Schnabel, weshalb ihr ihn auch Löffelreiher nennt; er ist von wenig schöner Form und stelzt ungeschickt auf seinen langen Beinen. Das wie ein Sonnenuntergang glühende Gefieder des Kuinko freilich ist über die Maßen schön, und wenn ein ganzer Schwarm von ihnen auf einmal auffliegt, ist es, als sei der Wind rosig und sichtbar geworden.
    Der überwiegende Teil der Bevölkerung von Michihuácan lebte in zahlreichen Dörfern am Ufer des Binsensees, Pátzkuaro, oder duckte sich auf vielen kleinen Inseln im See. Wiewohl jedes Dorf sich vornehmlich vom Fisch- und Vogelfang ernährte, hatte es vom Uandákuari den Auftrag, irgend etwas Besonderes herzustellen oder irgendeine besondere Dienstleistung zu erbringen und damit alle anderen Dörfer zu versorgen. So stellte ein Dorf wohl kupfergetriebene Geräte her, ein anderes gewebtes Tuch, noch ein anderes Binsengeflecht, ein weiteres Lackgerät und so fort. Der Ort, nach welchem der See seinen Namen hat – Pátzkuaro –, der Marktflecken für all diese Erzeugnisse. Eine der Inseln mitten im See – Xarákuaro – war über und über mit Tempeln und Altären bedeckt und diente den Bewohnern sämtlicher umliegenden Dörfer als Zeremonienzentrum. Tzintzuntzani – Wo Die Kolibris Fliegen – war Hauptstadt und Mittelpunkt all dieser Tätigkeiten, und so lieferte es selbst nichts außer den Entscheidungen und Befehlen und Anordnungen, welche das Leben des

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